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04. Februar 2012
Ein Statement gegen den Zeitgeist
Die Vitra Design Museum Gallery in Weil am Rhein zeigt Zeichnungen der französischen Designer Ronan und Erwan Bouroullec.
"90 Prozent unserer Ideen führen zu nichts", schilderte Erwan Bouroullec in der Vitra Design Museum Gallery in Weil eine Erfahrung aus der Werkstatt der französischen Brüder, die zu den einflussreichsten jüngeren Designern der Gegenwart gehören. Kreativität kennt kein Ziel und unterliegt zunächst auch keinem übergeordneten Zweck: An dem Punkt und an dieser Offenheit des künstlerischen Prozesses auf dem Weg vom ersten Einfall bis zur industriellen Serienfertigung eines Massenprodukts, vom Detail zum umfassenden Gestaltungskonzept knüpft auch "Ronan & Erwan Bouroullec – Album", die neue Ausstellung in der Vitra Design Museum Gallery, an.
Ergänzend zu der großen Steiner-Ausstellung im benachbarten Design Museum zeigt die kleine, aktuelle Schwester unter dem Titel einen Ausschnitt aus dem Werk der in den 70er Jahren geborenen bretonischen Brüder, insbesondere deren Zeichnungen. Eine Brücke in die parallel laufende "Alchemie des Alltags" ergibt sich dabei vor allem über formale Ansatzpunkte, über die Orientierungen an natürlichen, an naturnahen Formen. In Endeffekt aber bleibt dieser Kontext ein Konstrukt, kann die Verbindung geschaffen werden, muss sie aber nicht, wie auch der künstlerische Leiter des Museums Mateo Kries einräumt. Im Gegenteil: "Album", die von den zwei Brüdern selbst kuratierte und bislang nur im centre d’architektur in Bordeaux gezeigte Ausstellung, steht für sich, taucht ein in die Hintergründe des Designs und vergegenwärtigt das Auf und Ab der Prozesse.
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Wie eine Zeichenwelle fluten die rund 300 Exponate durch den vergleichsweise kleinen Weiler Galerieraum; gleichwohl erzeugt gerade diese Dichte immer wieder neue Assoziationen. Da sind zum Beispiel die netzförmigen Skizzen, schwarzweiß zunächst, dann farbig und zunehmend klarer, aus denen sich fast zwangsläufig der Vegetal Stuhl von Vitra herausschält – einen Zusammenhang, den die Ausstellung zwar andeutet, den sie aber nicht eindeutig benennt. Das wiederum betont den Eigenwert, den künstlerischen Charakter der Arbeiten in ihren mal zarten, mal schraffierten, mal gestochen scharfen Linien oder den schlichten Motiven: Es gibt überall Abzweigungen und es erweist sich einmal mehr, dass Vieles im Leeren endet, keineswegs jede Idee zum verwertbaren Produkt taugt.
Auf der anderen Seite werden so auch die Etappen, die Stufen innerhalb des Designprozesses sichtbar. Da finden sich in einer Vitrine zum Beispiel Bleistiftskizzen und Versuche mit abgesteppten Filzstücken, die verdichtet und collagenartig aufeinandergeschichtet zum kleinteilig gegliederten Raumteiler werden, einem Möbel, das in der Form nicht mehr nur Funktionen erfüllt, sondern auch zu einer Skulptur im Raum wird. Diese Kombination illustriert nicht nur den Anspruch des Designs, Mehrwert jenseits des reinen, praktischen Nutzens zu schaffen; vielmehr unterstreicht sich auch das tastende Vorgehen, macht die kreative Annäherung an die endgültige Form fassbarer, verdeutlicht, dass die Designer im Grunde wie Forscher vorgehen, "die die Formen ihres Ideenkosmos immer wieder überprüfen", wie es einer Mitteilung des Museums heißt. Denn letztlich geht es im Design eben immer auch um die technische Umsetzbarkeit, um die Serienfertigung. Damit aber macht dieses "Album" nicht zuletzt transparent, dass Design heutzutage komplexe Prozesse umfasst, in denen viele konstruktive Probleme zu lösen sind.
"Design braucht Sorgfalt und unterschiedliche Methoden", betonen die zwei Bretonen, die seit etwa zehn Jahren auch mit Vitra zusammenarbeiten daher auch. Dafür aber nutzen sie – trotz aller Komplexität und der Möglichkeiten des Computers – nach wie vor die Zeichnung als Mittel der Wahl. "Die meiste Arbeit findet auf dem Blatt und mit dem Bleistift statt", behaupten die Brüder, die sich selbst als "Kunstarbeiter" bezeichnen, im digitalen Begleittext zur Weiler Ausstellung zumindest. Dies Medium biete nach wie vor die meisten Möglichkeiten, eine individuelle Formensprache zu entwickeln. Ganz nebenbei widerlegt das auch die These, dass der PC den Menschen in diesem Entwurfsakt einmal völlig ablösen wird. Für Mateo Kries wird dieses "Album" so denn auch noch zum "Statement gegen den Zeitgeist".
– "Ronan & Erwan Bouroullec – Album", Vitra Design Museum Gallery, Weil am Rhein, bis 3. Juni täglich 10 bis 18 Uhr.
– "Bivoauc, 15 ans de travailau", unter dem Titel zeigt das Centre Pompidou-Metz bis zum 30. Juli eine umfangreiche Werkschau von Ronan & Erwan Bouroullec; Mi. bis Mo. 11 bis 18 Uhr, Do., Fr., Sa. bis 20 Uhr.
Autor: Michael Baas
