Ein Verlust von 20 Millionen Exponaten

Martina Farmbauer mit Agentur-Material

Von Martina Farmbauer mit Agentur-Material

Di, 04. September 2018

Kunst

In Rio brannte das älteste naturkundliche Museum Lateinamerikas.

Für die Menschen in Brasilien ist es so, wie es für die Franzosen wäre, hätte der Louvre gebrannt. 1818 gegründet, ist das Museu Nacional in Rio de Janeiro eine der ältesten wissenschaftlichen Einrichtungen Brasiliens und das älteste naturkundliche Museum Lateinamerikas. Dabei hat es eine enge Verbindung zur deutschsprachigen Welt. Im Juni feierte das Nationalmuseum seinen 200. Geburtstag, einst lebte (und starb) hier Leopoldina, die österreichische Kaiserin Brasiliens. Die Habsburgerin heiratete im Jahr 1817 Dom Pedro IV., die königliche portugiesische Familie war 1808 vor Napoleon nach Rio geflüchtet.

Dom João VI. hat das Museum ins Leben gerufen. Aber es war Dona Leopoldina, die im Gegensatz zu dessen Sohn, ihrem Mann Dom Pedro IV., als sehr gebildet galt und sich für Physik, Astronomie, Botanik und Mineralogie interessierte. Leopoldina holte österreichische und bayerische Wissenschaftler wie Johann Natterer, Carl von Martius und Johann von Spix nach Brasilien, die das Land erkundeten und unter anderem auch für das Nationalmuseum arbeiteten. Teilweise sind ihre Objekte im Naturhistorischen Museum, teilweise im Weltmuseum in Wien aufgegangen.

Das Nationalmuseum in Rio de Janeiro hat auf 13 000 Quadratmetern mehr als 20 Millionen Stücke beherbergt. Zu den Publikumsmagneten gehörte das älteste in Brasilien gefundene menschliche Fossil mit Namen "Luzia".

Der Glanz
bröckelte

Weitere hochklassige Exponate waren das Skelett eines im Bundesstaat Minas Gerais entdeckten Dinosauriers und der größte in Brasilien gefundene Meteorit namens "Bendego" mit einem Gewicht von 5,3 Tonnen. Das 1831 angelegte Herbarium versammelte 550 000 Pflanzen. Die Bibliothek umfasste 537 000 Werke, von denen 1560 hohen Seltenheitswert hatten.

Die anderen Ausstellungsstücke decken einen Zeitraum von fast vier Jahrhunderten ab – von der Ankunft der portugiesischen Kolonisatoren auf dem Territorium des heutigen Brasilien im Jahr 1500 bis zur Ausrufung der Republik 1889. Das neoklassizistische Gebäude war von 1889 bis 1891 Sitz der verfassunggebenden Versammlung, die Brasiliens erste Verfassung ausarbeitete.

"Juwelen der internationalen Kultur, die wir wegen unserer Unfähigkeit, dem historischen Erbe die entsprechende Aufmerksamkeit zu schenken, verloren haben", sagt Paulo Knauss, Direktor des Museu Histórico Nacional, eines weiteren wichtigen Museums in Rio. Während Milliarden mit einem enormen Gewinn für Politiker in neue Projekte etwa zu den Olympischen Spielen in Rio 2016 flossen, sind die Stadt Rio de Janeiro und der gleichnamige Bundesstaat spätestens seit den Spielen pleite; die brasilianische Regierung hat die Ausgaben für Kultur und Wissenschaft gekürzt.

"Dass das Museum Feuer gefangen hat, als es geschlossen war, zeigt, dass es sich um ein Infrastrukturproblem handelt", sagt Paulo Knauss. Das Gebäude war schon lange in einem kritischen Zustand, sodass viele in seiner Zerstörung durch den Brand einen "angekündigten Tod" sahen. Alexander Kellner, der austro-germanisch-brasilianische Direktor, sprach beim Interviewbesuch zum 200. Geburtstag des Museu Nacional im Juni von "Grandezza mit Problemen". Dass der als Sohn einer österreichischen Mutter und eines deutschen Vaters in Vaduz Geborene Ende vergangenen Jahres 200 Flugsaurier-Eier in China gefunden hatte, war als wissenschaftliche Sensation um die Welt gegangen. Und es war die glänzende Krönung einer beharrlich verfolgten wissenschaftlichen Laufbahn, die kurz danach mit dem Direktorenamt des Nationalmuseums in Rio einen weiteren Höhepunkt erlebte.

Allerdings ist die Leitung dieses Museums eine ebenso steinige, beschwerliche Arbeit gewesen wie die Suche nach Flugsaurier-Eiern. Denn der Glanz dieses Museums bröckelte seit langem. Dies zeigte sich für Kellner an einem Saal, in dem einst portugiesische und brasilianische Könige und Kaiser gesessen hatten, in dem aber von den blau-grau gestrichenen Wänden der Putz abblätterte. Auf dem Tisch lag ein Stück Holz, das von einer Decke herabgefallen war.

Der Brand im Museu Nacional in Rio de Janeiro ist nicht der erste in einem Museum in Brasilien; 2015 hatte das Museu da Língua Portuguesa in São Paulo gebrannt, 2016 die Cinemateca Brasileira. Paulo Knauss fordert eine andere Haltung in Bezug auf geschichtliches Erbe als bisher: "Nach diesem tragischen Moment ist es wichtig, die Unterstützung der Zivilgesellschaft zu bekommen, um mit Blick auf die Wahlen im Oktober für das Thema zu sensibilisieren."