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10. Februar 2012 00:01 Uhr

Interview

Thea Dorn zu ihrer Kulturgeschichte der Deutschen

Die Autoren Thea Dorn und Richard Wagner haben ihr Buch "Die deutsche Seele" veröffentlicht.

  1. Thea Dorn Foto: ddp

  2. Foto: ExQuisine/Fotolia.com

In 64 alphabetisch angeordneten Kapitel von "Abendbrot" über "Gemütlichkeit" und "Vater Rhein" bis "Zerrissenheit", spüren sie dem typisch Deutschen nach. Wobei Thea Dorn auch mal ein Gedicht (beim Stichwort "Bierdurst") oder einen fiktiven Briefwechsel (zur "Dauerwelle") als Form verwendet. Über das Buch sprach Jeannette Villachica mit der Autorin.
BZ: Frau Dorn, Sie kommentieren seit Jahren in den Medien die deutschen Verhältnisse. Jetzt haben Sie zusammen mit dem Schriftsteller Richard Wagner ein Buch über "Die deutsche Seele" geschrieben. Woher kommt Ihr großes Interesse am Deutschen?
Thea Dorn: Vor ein paar Jahren hatte ich eine Gastprofessur in den USA. Da habe ich mich zum ersten Mal als deutsch wahrgenommen. Bis dahin dachte ich immer, ich kann auch prima in New York, in der Bretagne oder in Amsterdam leben, ich brauche Deutschland nicht. In den USA schlich sich dann aber tatsächlich so etwas wie Heimweh ein und das nicht nur nach Berlin, meiner Wohnung und meinen Freunden, sondern vor allem nach der deutschen Sprache. Dann merkte ich kurz vor Ostern, dass ich zum ersten Mal noch keine Matthäus-Passion gehört hatte und habe mir sofort eine Aufnahme im Internet bestellt. Im Mai stellte ich bekümmert fest: Ich hatte noch gar kein Spargelessen, was sonst immer ein großes Ritual bei mir ist.

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BZ: Deswegen haben Sie der Spargelzeit im Buch ein eigenes Kapitel gewidmet.
Dorn: Genau. Mir ist kein anderes Land bekannt, wo das Spargelessen so zelebriert wird. Natürlich gibt es in vielen Ländern Spargel, aber dieser Kult und der Begriff der Spargelzeit, das ist etwas sehr Deutsches.
BZ: Nach was haben Sie eigentlich gesucht? Was macht die Seele eines Volkes aus?
Dorn: Ein etwas harmloseres Wort wäre die Aura, die mitschwingt, wenn man alle statistischen Daten abzieht. So wie man mit einem Menschen ein bestimmtes Gefühl verbindet, unabhängig davon, welche Augenfarbe er hat. Man kann es auch noch harmloser Mentalität nennen.
BZ: Warum der enzyklopädische Aufbau des Buchs?
Dorn: Wir dachten, wenn es uns gelingt aus Begriffen, die uns sofort als typisch deutsch vor Augen stehen, eine Art Molekül zu basteln, in dem alle Teile miteinander zusammenhängen, dann gelingt es uns vielleicht, das Deutsche oder die deutsche Seele fassbarer zu machen. Ich saß eine Woche lang mit allen Stichworten, die wir im Brainstorming gefunden hatten, auf dem Boden und habe versucht, die Verbindungsfäden zu einer Struktur zusammenzufügen. Bis ich dachte: Schluss jetzt! Dann muss eben die Willkür des Alphabets walten.
BZ: Haben Sie ein Lieblingskapitel?
Dorn: Das Kapitel über die Musik, das ist auch das längste. Ich habe überlegt, was an Thomas Manns These, die Musik sei die deutscheste aller Künste, dran ist. Wenn man sich die Weltliteratur und die bildende Kunst anguckt, zeigt sich, dass sie ohne die Künstler, die man im weiteren Sinn als deutsch bezeichnen kann, ganz gut auskommen. In der Musik ist das komplett anders. Ohne deutsche und österreichische Komponisten sähen die Konzert- und Opernprogramme äußerst mager aus. Thomas Manns These lautet, dass sich in der Musik der deutsche Hang zur Ordnung auf geniale Weise verbindet mit dem deutschen Hang zum Abgründigen, zum Innerlichen, zur Gefühligkeit, zu dem, was man nicht festhalten kann. Dann geht Thomas Mann noch weiter und sagt: Dieser Zug zum Absoluten, zum Mystischen, zum Dämonischen lasse sich schwer mit menschenrechtlichen demokratischen Verhältnissen vereinbaren. Ich habe mir exemplarisch das Musikverständnis von Bach, Beethoven, Wagner, Schönberg und Stockhausen angesehen und festgestellt, dass die Musik immer mehr zum Religionsersatz wird. Am Schluss ging es mir darum, zu erklären, was Karlheinz Stockhausen meinte, als er nach den Attentaten vom 11. September 2011 sagte, das sei das größte Kunstwerk aller Zeiten gewesen: In einem demokratischen Deutschland wurde er zu Recht dafür gerügt. Aus der Perspektive des deutschen Tonsetzers hat er völlig stringent argumentiert.
BZ: Bei Kapitelüberschriften wie "Abgrund", "Dauerwelle", "Mittelgebirge", "Mystik" oder "Vereinsmeier" schwingt das Klischee vom tiefgründelnden, spießigen Deutschen mit. Junge Leute können sich mit diesem Deutschlandbild vermutlich kaum identifizieren.
Dorn: Das Deutschlandbild im Buch ist sehr romantisch imprägniert, weil das die Zeit ist, in der Deutschland am aufregendsten war, finde ich. Begriffe wie "Wanderlust" oder "Waldeinsamkeit" waren wahrscheinlich nie populär, sprechen aber das an, was auch junge Menschen fühlen, wenn sie im Wald wandern gehen. Das Buch ist natürlich auch eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache und ein Angebot. Wir haben so wundervolle Begriffe im Deutschen, die wir reaktivieren sollten.
BZ: Hat sich Ihr Gefühl für das Deutsche durch die Recherchen verändert?
Dorn: Mir war die Widersprüchlichkeit vorher nicht in dem Maße klar. In der deutschen Seele gibt es zu jedem Zug auch das exakte Gegenteil. Einerseits erleben wir in Deutschland immer wieder Szenen wie die am Stuttgarter Bahnhof, wo Menschen sich an Bäume ketten – Szenen, aus denen eine Technikfeindlichkeit spricht und die ewige Sehnsucht "Zurück zur Natur!". Gleichzeitig gelten die Deutschen seit Jahrhunderten als die großen Tüftler und Erfinder. Wir finden diese Zerrissenheit gesamtgesellschaftlich und in einzelnen Figuren wie Friedrich dem Großen, der einerseits ein Schöngeist war, der versuchte jeden Tag zwei Stunden Flöte zu spielen, der die französische Kultur über alles liebte und das Deutsche verachtete. Gleichzeitig war er ein glühender preußischer Patriot, der ohne mit der Wimper zu zucken seinem geliebten Frankreich den Krieg erklärte. Die Zerrissenheit ist für mich so etwas wie die Essenz des Deutschen.
BZ: Woher kommt diese Zerrissenheit Ihrer Meinung nach?
Dorn: Das hat bestimmt auch mit der Lage zwischen Ost und West zu tun. Einerseits die slawische mystische, melancholische Seele, andererseits der westliche Pragmatismus, die Aufklärung – alles vereinfacht gesagt –, die in Deutschland aufeinandertreffen und nie verschmolzen, sondern immer als Gegensätze empfunden wurden. Das ist auch im Hinblick auf die Einwanderungsdiskussion interessant: Eigentlich ist Deutschland mit seiner zerklüfteten Seele dazu prädestiniert, Gegensätze auszuhalten. Man muss sich dann aber auch aneinander reiben und darf sich nicht voneinander abschotten oder so tun, als gäbe es die Unterschiede nicht. Dann kann vielleicht etwas neues Deutsches entstehen. Die Deutschen haben immer dann Unheil angerichtet, wenn sie versucht haben, die deutsche Seele einfacher zu machen als sie ist.

– Thea Dorn, Richard Wagner: Die deutsche Seele. Knaus Verlag, München 2012. 560 Seiten mit 200 Abbildungen, 26,99 Euro.

Autor: Jeannette Villachica