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11. Mai 2009
Emotionales Denkmal gegen Ostalgie und DDR-Verklärung
Mit der Kraft der großen Bilder: Die Open-Air-Ausstellung "Friedliche Revolution 1989/90" auf dem Berliner Alexanderplatz.
Ein Verkehrsknotenpunkt, ohne architektonischen Reiz. Doch genau dort, mitten auf dem Alexanderplatz, ist derzeit die zentrale Ausstellung des Berliner Themenjahres "20 Jahre Mauerfall" zu sehen. "Friedliche Revolution 1989/90" ist ein Projekt der 1990 gegründeten, nach dem DDR-Regimekritiker benannten Robert-Havemann-Gesellschaft. Das Material stammt aus ihrem "Archiv der DDR-Opposition" – nach eigenen Angaben die größte nichtstaatliche Sammlung der Selbstzeugnisse von Opposition, Widerstand und Bürgerrechtsbewegung gegen das SED-Regime.
Und wie deren Akteure suchen auch die Veranstalter von "Friedliche Revolution 1989/90" die Öffentlichkeit. Dort, wo die Kundgebungen am 7. Mai 1989 begannen, ausgelöst durch die aufgedeckte Fälschung der Kommunalwahlen. Dort, wo am 4. November 1989 die größte Demonstration in der Geschichte der DDR stattfand. Es sind vor allem großflächige Schwarzweiß- und Farbbilder von emotionaler Kraft, die daran erinnern. Besonders eindrucksvoll sind die Gesichter der Akteure der friedlichen Revolution, aber auch die ihrer Gegenspieler, weil sie so viel über deren Gefühlslage verraten: Die andächtige Ruhe der jungen Frau, die bei einer Mahnwache eine Kerze anzündet. Das pure Entsetzen des verletzten Demonstranten, die linke Gesichtshälfte blutüberströmt. Die grimmige Entschlossenheit des Mannes, der den Sicherheitskräften den Vogel zeigt. Die überschäumende Freude derer, die soeben die Grenze überschritten haben. Die angespannte Konzentration der Diskussionsteilnehmer am zentralen runden Tisch. Der fröhliche Jubel einer Frau über den ersten 100-DM-Schein. Die tiefe Resignation von SED-Mitgliedern, mit verschränkten Armen und hängenden Köpfen. Die Fassungslosigkeit Oppositioneller nach der ersten Einsicht in Stasi-Akten. Und schließlich die Zufriedenheit im Gesicht der alten Dame, die den Umschlag bei der Wahl zum ersten gesamtdeutschen Bundestag in die Urne steckt.
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Auf fünf Stellwänden, strahlenförmig angeordnet, zweieinhalb Meter hoch und jeweils etwa 40 Meter lang, sind mehr als 700 Fotos und Dokumente verteilt. Einige Ausstellungsstücke sind in kleinen Vitrinen zu sehen, darunter Flugblätter, Zeitschriften und eine Druckmaschine. Dazu gibt es mehrere Monitore mit kurzen Filmsequenzen sowie Lautsprecher, aus denen historische Tonaufnahmen einen lebendigen Eindruck von der friedlichen Revolution vermitteln. Inhaltlich ist die Ausstellung in drei Abschnitte gegliedert: Den Aufbruch, der in den 1970er Jahren unter anderem innerhalb der Umwelt-, Jugend- und Friedensbewegungen begann, die sich langsam zu oppositionellen Netzwerken formierten. Die Revolution selbst, von der Fälschung bei den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 bis zum Vorabend der Volkskammerwahl am 18. März 1990, der ersten freien Wahl in der DDR. Und schließlich die Entwicklung bis zur ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl im Dezember 1990.
Trotz großen medialen Einsatzes wird die Ausstellung dem Anspruch, ein umfassendes Bild von all dem zu zeichnen, vielfach nur ansatzweise gerecht. Denn die meisten Informationstexte sind zu kurz, um mehr als nur Denkanstöße zu ermöglichen. Freilich: Mit langen Texten ließe sich kaum die Aufmerksamkeit der Passanten gewinnen. Das gelingt mit den großflächigen Bildern weitaus besser. "Wir waren sehr viele, aber unter uns gesagt, wir waren sehr wenige und oft sehr alleine... Aber Revolution funktioniert nur, wenn viele Menschen die gemeinsame Illusion haben, etwas verändern zu können", sagte der 1976 aus der DDR ausgewiesene Liedermacher Wolf Biermann bei der Eröffnung. Und all diesen schließlich Tausenden von Menschen setzt die Ausstellung ein temporäres, emotionales Denkmal – gegen Ostalgie und die Verklärung der DDR-Vergangenheit.
– Alexanderplatz, Berlin. Bis 14. November.
Autor: Nicolas Scherger
