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26. Mai 2010
Entdeckungen an der Neckarquelle
Das Kunstprogramm der Landesgartenschau.
Mitten in einem Blumenbeet entblößt eine containergroße Leerfläche schwere braune Erde. Hier sind Purpurglöckchen, Japan-Segge, Iran-Lauch und mandelblättrige Wolfsmilch "Zur Zeit nicht verfügbar". Auf dem Bauchenbergweiher dümpelt ein Boot, Billardkugeln rollen darin auf grünem Filz, mit dem es ausgeschlagen ist. Eine Insel wild wuchernder Vergissmeinnicht wird von aufschießendem Rasengrün umzingelt. Erdreich kreischt auf, wenn in der Performance mit einer an eine E-Gitarre angeschlossenen Hacke ein Loch gegraben wird.
Subversiv unterwandert die Bildende Kunst die Inszenierungen gezähmter Natur, wie sie sich in einer Gartenschau auch in Villingen-Schwenningen darbietet: Da stehen lilienblütige Tulpe, Gartenstiefmütterchen und Miniaturveilchen in ihren Zierbeeten stramm. Denn für den Gartenkünstler gilt, er zwinge die Natur zur Ordnung und schaffe damit Schönheit. So ein Lustgarten dient dem Vergnügen und der Erholung: Das hat nicht erst die Ökopsychologie herausgefunden, von alters her weiß man, dass gepflegte Garten- und Parkanlagen die Laune erheblich verbessern.
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Mitten im Ortsteil Schwenningen hat man auf 24 Hektar großem und damit überschaubarem Gelände einer aufgelassenen Industriebrache zwischen Bahngleis und Neckarquelle einen botanischen Freizeitpark für Leib und Seele errichtet. Der sentimentalen Gartentheorie des 18. Jahrhunderts folgend, wird mit Emotionen gespielt, der Gesichts- und Geruchssinn angeregt in kunstvollen Beispielen des geometrischen, heiteren, spröden, zarten, kühlen, eleganten und lauschigen Gartens. Aber 70 Tausend Euro standen auch für die bildende Kunst bereit, von der städtischen Galerie und dem Kunstverein Villingen-Schwenningen als regionaler Wettbewerb ausgelobt und mit Studierenden der Kunstakademie Stuttgart bereichert. Zwischen Gartenkunst und Kunsthandwerk haben es die Künstler schwer, die Aufmerksamkeit der Flanierenden zu gewinnen und sich abzusetzen von einem überbordenden dekorativen Angebot. Murmelbahn, Marionettentheater, Spielgarten und Miniatureisenbahn ergänzen die Fülle garten- und landwirtschaftlicher Demonstrationen. Vanessa Henn aus Berlin und Bertram Weisshaar aus Leipzig wollten da mit ihrer Kunst nicht nachstehen und mitspielen: Mit "Roller Coaster", der luftig kreisenden Loop eines kopfüber rotierenden Handlaufs, der auf Stelzen im Rasen stakt (eine starke Arbeit von Henn) und den Kabinen, in denen eine Camera Obscura die Gartenschau auf den Kopf stellt.
Andere Künstler beziehen sich auf die Geschichte des Orts. Der Kunststudent Tae Kyun Kim zeichnet in einer wunderbar filigranen Metallskulptur die Grundrisse der beiden Städtchen in einer einzigen Schatten werfen Kontur nach ("Die Entdeckung des Schweigens"). In "Heimat auf der Zunge" bekrönt die Kunststudentin Anne Römpp Zäune mit den goldenen Zungen der Wappentiere von Villingen-Schwenningen, Adler und Schwan. Tickende rote Punkte im Gras erinnern an die Bombenfunde an dieser Stelle (Andreas Mayer-Brennenstuhl aus Nürtingen).
Kunst schaffen mit den Mitteln eines die Natur nachahmenden Wildwuchses: Ob die absichtsvoll herbeigeführte Unordnung in Annette Merkenthalers Pflanzinstallation von den Besuchern als irritierend wahrgenommen wird, wird sich erst im Sommer erweisen, wenn nur noch die unechten Vergissmeinnicht unzeitgemäß in voller Blütenpracht stehen. Begleitend mahnt sie auf Schildern: "Vergiss den Frühling nicht" – "In der Wärme des Sommers".
– Landesgartenschau Villingen-Schwenningen, bis 10.Oktober, täglich 9–19 Uhr.
Autor: Eva Schumann-Bacia
