Es gibt keine Zeit zu verlieren

Andreas Kohm

Von Andreas Kohm

Fr, 21. November 2014

Literatur

Leo Tuors rätoromanische Erzählung "Cavrein" macht im Hochgebirge Jagd auf den Steinbock.

Ausgebreitet zeigt der Umschlag der Klappenbroschur einen neblig verhangenen Talgrund, blocküberlagert, erste Herbstschneeflecken. Darin leuchtet die zarte Farbigkeit der Flechten gelbgrün, ein Gebirgsbach fließt vorbei, wohl dem Rhein zu, dessen Quellgebiet hier oben liegt. Der Einband innen hellrot, wie das Blut, das vom Herzen kommt. Die Aufgabe ist klar:"Willst du ein Tal in all seinen Einzelheiten kennen lernen, einen Berg mit seinen Hängen, Felsen und Halden, mit seinen Nasen und Köpfen, seinen Tobeln, Tiefen und Winkeln, so mach dich auf die Jagd nach dem Steinbock und geh ins Hochgebirge." Die abgelegene Alp "Cavrein" in der graubündnerischen Region Surselva ist der ideale Ausgangsort für einen solchen Versuch.

Um sich im neuen Buch des Schweizer Autors Leo Tuor zu orientieren, ist also, wer eine topografische Karte im Maßstab 1:25 000 zur Hand hat und sie zu lesen versteht, eindeutig im Vorteil. Des weiteren leisten ein kritisch wacher Geist, eine wohlsortierte Bibliothek und die schiere Lust am Fabulieren beste Dienste. Denn dort, wohin die Erzählung den Leser führt, trifft er auf unwegsames, bisweilen unübersichtliches Gelände und seine Markierungen werden von Koordinaten vermessen, die es wundersam zwischen Archaischem und Modernem, historisch verbürgten Personen und mythischen Gestalten, zwischen philosophischen Zitaten und literarischen Anspielungen, kantonalem Amtsdeutsch und ungehobelter Mündlichkeit, zwischen ironischer Überzeichnung und einfühlsamer Beschreibung changieren lassen. Noch scheinen nicht alle Winkel vom Licht der Aufklärung – oder von "neuen Taschenlampen" mit ihrem "blauen, digitalen Licht" – ausgeleuchtet zu sein, denn das Skurrile und Phantastische, bisweilen Gespenstische findet hier hinter jedem Felsvorsprung, bei Nacht, in jedem Nebelfetzen und Windgeräusch abgründige Rückzugsräume.

Das Disparate hält diese Geschichte einer Steinbockjagd, der "Catscha sil capricorn en Cavrein", wie das rätoromanische Original im Idiom des Rumantsch sursilvan betitelt ist, über vierzehn Kapitel zusammen. Konzentriert auf knappe 80 Seiten, entfaltet sich ein poetischer Kosmos aus Erzähltem, Gelesenem, Gesehenem, Erspürtem, wie er dem Jäger-Erzähler durch den Kopf geht, während er vierzehn Oktobertage lang zwischen den Felsen liegt und mit dem Fernglas die Talseiten nach Wild "abspiegelt", über Geröllschutt pirscht, in der rauchgesättigten Maiensässhütte biwakiert, über Wittgenstein, Dante und Malaparte sinniert und sich endlich dem lang ersehnten Steinbock gegenüber sieht.

Entscheidendes Kraftzentrum ist die karge und unwirtliche hochalpine Landschaft selbst, in der Tuors Erzähler sich bewegt, die er erfährt und wahrnimmt. Sie eröffnet ihm im weiteren Sinn einen asketischen Gedenkraum, der ihn schweigend auf sich selbst zurückwirft: "Über dem Wald, in den öffentlichen Felsen, in dieser radikalen Welt, verträgt es keinen Kitsch." So ist "Cavrein" auch ein nachdenkliches Passionsbuch: über Sprache als Zurichtung der Welt und die Welt als geduldiges und erduldendes Material menschlicher Zumutungen und Gewalten. Es gibt keine Zeit zu verlieren: "Mit der Jagd ist es wie mit dem Leben. Eines schönen Tages ist alles vorbei, dabei hat es doch erst begonnen."
– Leo Tuor: Cavrein. Erzählung. Aus dem Rätoromanischen von Claudio Spescha. Limmat-Verlag, Zürich 2014. 96 Seiten, 22 Euro.