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01. August 2012

Es ging um eine neue Welt

Der Sammler Rüdiger Hurrle zeigt in Durbach eine famose Cobra-Retrospektive.

Gibt es eine Alternative zum herkömmlichen Fußball? Manch einer mag sich diese Frage in den vergangenen Wochen gestellt haben – oder etwa doch nicht? Der dänische Künstler Asger Oluf Jørgensen, alias Asger Jorn kannte sie, die Alternative: Dreiseitiger Fußball, gespielt mit drei Mannschaften auf einem sechseckigen Spielfeld. Eine Analogie zum Klassenkampf sollte diese selten erprobte Konstellation darstellen: Der Schiedsrichter agierte gleichsam als Repräsentant des repressiven Staats- und Medienapparates.

Ganz gewiss keine Erfindung aus unseren Tagen, wie auch der Name des 1973 verstorbenen Asger Jorn für eine durchaus auch politische Protestkunst steht, die heute allenfalls nostalgische Verehrung erfährt. Sie trug den Namen einer gefährlichen Giftschlange und die Anfangsbuchstaben jener drei europäischen Hauptstädte, aus denen ihre Exponenten stammten: Cobra, das stand für Copenhagen, Brüssel, Amsterdam – eine revolutionäre europäische Bewegung, welche die Masse nie erreichte. Proteste und Tumulte allerorten. Nur ein Beispiel: Erst 1959, zehn Jahre nach der offiziellen Enthüllung, konnte ein Wandgemälde in der Kantine des Amsterdamer Stadthauses der Öffentlichkeit wieder zugemutet werden. So lange blieb es verhängt.

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Doch wie es so geht mit den einstigen Bürgerschrecken: Sie avancierten (beinahe) zu Klassikern. Heute haben sie ihr eigenes Museum im niederländischen Amstelveen, ihre bleibend aggressiven Bilder hängen in internationalen Kunsthallen, häufiger noch bei privaten Sammlern, die sich der Gruppe annahmen, lange bevor ihr Name im Kunstlexikon stand. Rüdiger Hurrle ist einer von ihnen. Sein "Museum für Aktuelle Kunst" im nordbadischen Durbach besitzt eines der größten Konvolute der Cobra-Gruppe. Bereichert durch zahlreiche private Leihgaben und mit der tatkräftigen Hilfe des Cobra-Experten und Karlsruher Kunstprofessors Axel Heil, präsentiert der Sammler nun eine der bislang größten Überblicksausstellungen zum Thema. Grund genug für eine Fahrt nach Durbach.

Wie wirkt sie nun, die Richtung des Europäischen Informel im Abstand von vier Jahrzehnten? Manches ist so frisch wie am ersten Tag. Zum Beispiel Asger Jorns Hauptwerk "Stalingrad" und seine farbgestische Offensive. "La Langue et l’imagination", die beides verrät: die Herkunft der Künstler aus dem Surrealismus und ihre entschiedene Absage an die Symbolkunst zugunsten eines aggressiv expressiven Gestus- unter Beibehaltung figurativer Schwundstufen. Zwei Wesen erscheinen im Bild: Mann und Frau in erschreckend gewaltvoller Symbiose.

Wider Erwarten nicht aus dem Moment entstanden ist diese glutvolle Malerei, sondern Frucht einer langen Planung und langer thematischer Reihen. Trotz ihres Rückgriffs auf nordische Mythen und verfremdete Motive der Volkskunst, trotz ihrer geteilten Vorliebe für die Art brut und Jean Dubuffet, für heftige Pinselstriche, pastosen Auftrag und ein leuchtendes Kolorit, fällt es doch schwer, so etwas wie einen kollektiven "Cobra-Stil" auszumachen. Zu stark wirken die persönlichen Vorlieben, etwa Pierre Alechinskys Hang zur ostasiatischen Kalligrafie, Corneilles betonter Lyrismus, Constants konstante Figuration und Raoul Ubacs Tendenz zum Ornamentalen. Auch wenn die Positionen der einzelnen Künstler gegen die Pariser Schule und andere Positionen der Zwischen- und Nachkriegszeit, etwa von Willi Baumeister, nicht immer scharf abzugrenzen sind, ist dies eine wichtige, herausragende Ausstellung, die eine engagierte, noch immer wenig verstandene Kunst vorführt, der es tatsächlich um etwas geht: um nicht mehr und nicht weniger als eine neue Welt.
– Die Ausstellung Cobra ist noch bis zum 6. Januar 2013, im Museum für Aktuelle Kunst in Durbach zu sehen.

Autor: Stefan Tolksdorf


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