Fehlgeleitete Liebe

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

So, 09. September 2018

Kultur

Der Sonntag Jennifer Clement ist mit ihrem viel diskutierten Roman "Gun Love" in Freiburg.

Sobald es in den USA wieder einmal zu einem Schulmassaker kommt, wird im In- und Ausland über die amerikanischen Waffengesetze gesprochen. Ohne Folgen. Jennifer Clement richtet in ihrem neuen Roman den Blick auf weniger prominente Opfer der Gewalt.

Und wenn das eigentliche Problem an der Grenze zwischen den USA und Mexiko nicht die Immigranten wären, sondern die 253 000 Waffen, die jährlich aus Amerika ins Land kommen? Jennifer Clement kennt die Zahlen der Recherche der Los Angeles Times , die amerikanische Autorin lebt nicht nur in Mexiko, sondern hat vor einigen Jahren – damals war sie noch Präsidentin des mexikanischen PEN, heute steht sie dem PEN international vor – einen Bericht über ihren Besuch im Museum der National Rifle Association in Washington geschrieben. Schon 2007 sprachen die Zahlen der Tötungsdelikte für sich: 17 in Finnland, 9 484 in den USA, 2016 waren es dann über 11 000 Menschen, die in Amerika durch Waffengewalt starben.

Margot France, die Mutter der Ich-Erzählerin Pearl aus Jennifer Clements Roman "Gun Love", wird ebenfalls eine Waffe zum Schicksal. Mit ihrer 14-jährigen Tochter ist sie am "Indian Waters Trailer Park" irgendwo in Kalifornien gestrandet. Für die Ausreißerin, die als Teenager Mutter wurde, reicht es nicht einmal mehr zum Wohnwagen, sie und Pearl leben in einem 1994 Mercury Topaz.

Die Kleidung säuberlich gefaltet und in Supermarkttüten aufbewahrt, in der Nase ein Insektenvertilgungsmittel, im Kofferraum zwei Teller Limoges-Porzellan, silbernes Besteck, einen Diamantenring mit zwei Rubinen von der französischen Ur-Großmutter und das silberne Hochzeitskleid der Mutter. Anders als die anderen Bewohner des Trailer Parks war es weder die Immobilienkrise oder andere finanzielle Schwierigkeiten noch der Irakkrieg, der Margot France derart den Boden unter den Füßen verlieren ließ. Es war die frühe Schwangerschaft und die Fliegenklatschen, die ihr Vater in allen Räumen der Villa verteilte. Man könne nicht umherlaufen und diese Dingerchen töten, begründet Margot France ihren Entschluss, das Elternhaus zu verlassen. Sie stehen für die allgegenwärtige Gewalt in der Gesellschaft.

In Clements Roman "Love Gun" ist alles toxisch. Der Name des Trailer Parks erinnert an die ermordeten Ureinwohner, eine Müllkippe verseucht Luft und Wasser, im nahen Sumpf lauern Alligatoren. Als einmal ein siamesischer Zwillingsalligator schlüpft, wird das Tier erschossen. Der selbst ernannte Pastor der Siedlung kauft Waffen an, "Give your Guns to God" bewirbt er seine Aktion. Mit Gott hat diese jedoch nur wenig zu tun, er lässt Revolver und Gewehre – der Roman kennt für jedes Modell den Namen – nach Mexiko schmuggeln. Eli Redmond, in den sich Pearls Mutter Hals über Kopf verlieben wird, ist an diesem Deal beteiligt.

Das Carl Schurz Haus, das pünktlich zum Erscheinen der deutschen Übersetzung die Autorin nach Freiburg eingeladen hat, nutzt den Roman zudem für einen thematischen Schwerpunkt. Am 11. Oktober wird die Ausstellung "Shot" von Kathy Shorr eröffnet. Die New Yorker Fotografin porträtierte 101 Überlebende von Waffengewalt. Sie zeigen, es kann jeden treffen. Manche wurden Opfer häuslicher Gewalt, manche von Bandenkonflikten oder Dieben, oft ist der Zufall im Spiel. Shorr fotografierte die Überlebenden, auch viele Kinder sind darunter, jeweils am Tatort mit ihren Narben oder den Schäden, die sie sichtbar davon getragen haben. Die Traumata ahnt man nur.

Jennifer Clement poetisiert das Geschehen, indem sie es durch die Perspektive eines Kindes bricht, das seine Mutter abgöttisch liebt. Diese erscheint als eine Frau, die sich mit Popsongs in der Welt orientiert und sensibel für die Verletzungen ihrer Mitmenschen ist. Wie in Sean Bakers Film "The Florida Project", der in einer Motelanlage in der Nähe von Disney World spielt und im Frühjahr in den deutschen Kinos zu sehen war, ist die kindliche Ich-Erzählerin nicht nur Opfer. In Clements Roman wird sie auch die bestehlen, die ihr wohl gesonnen sind. Sie sei vom Herz aus Aktivistin, hat Clement einmal gesagt. Wie gut, dass sie vom Intellekt Autorin ist.

"Gun Love" ist ein Roman, der diese beiden Seiten vereint. Nichts versinnbildlicht die Spaltung des Landes so sehr, wie eine Waffe, die auf einen anderen Menschen gerichtet ist.
Jennifer Clement, Gun Love, Lesung am 14. September, 20 Uhr im Art Jamming, Günterstalstraße 41. Veranstaltung auf Deutsch und Englisch.
Der Roman erscheint am 10. September auf Deutsch im Suhrkamp Verlag, 251 Seiten, 22 Euro.