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04. Februar 2012 11:41 Uhr

Frankfurt

Städel Museum zeigt den Maler Claude Lorrain

Die Zeichnung erklärt die Ausstellung als Rückgrat des Werks: Das Frankfurter Städel Museum zeigt den Maler Claude Lorrain. Was erwartet den Besucher der "verzauberten Landschaft"?

Der Dichter sah die Bilder und schloss auf den Maler. "Da sehen Sie einmal einen vollkommenen Menschen." So Goethe zu Eckermann. In Claudes Landschaftsmalerei sahen dann Kunsthistoriker einen "unnachahmlichen Schimmer des Glücks" (Walter Friedländer), einen "ewigen Feiertag" (Theodor Hetzer). Wer war dieser Claude Lorrain, der Betrachter so anspricht und von dem eine über Jahrhunderte anhaltende Wirkung ausging?

Von seinem wirklichen Leben ist wenig bekannt. Um 1600 ist Claude Gellée geboren, in Lothringen (weshalb man ihn "Le Lorrain", den Lothringer, nennt). Pastetenbäcker sei er gewesen, heißt es. Der Florentiner Künstlerbiograph Baldinucci nennt einen Aufenthalt des jungen Claude in "Friburgo in Alsacia", womit gewiss Freiburg im Breisgau gemeint ist. Da habe er bei einem älteren Bruder, einem Intarsienschneider, gezeichnet. Danach ging er nach Rom und wurde zum Maler. Claudes Anfänge sind also durchaus nicht klar und linear. Aber in Rom, das er nur noch ein kurzes Mal verließ in Richtung Norden, lief sein Leben in geraden ruhigen Bahnen. Ein Arbeitsleben .

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In Rom trug er Entscheidendes bei zur Entstehung einer neuen Landschaftsmalerei. Die Ausstellung im Frankfurter Städel zeigt ihn anfangs noch auf dem Weg zur architektonisch geklärten "klassischen" Landschaft, in der auch die bekannten römisch antiken Monumente reichlich Platz finden. Immer wieder hat Claude seine Landschaftserzählung in Gemäldepaaren entwickelt. Gern – das erste Werkbeispiel ist jetzt in Frankfurt – im Gegenüber von Küsten- oder Hafenansicht und Pastorallandschaft. Sein Hirtenland Arkadien war die Gegend um Rom. Der Maler und Kunstschriftsteller Joachim von Sandrart, der mit ihm in frühen römischen Jahren befreundet war, erzählt, dass Claude "täglich in das Feld hinaus" ging, die Natur studieren. Besonders die Lichtstimmungen: "der Sonnen Auf- und Nidergang". Die Ausstellung wird, was den Zeichner betrifft, sehr dicht und ausführlich. Die Zeichnung erklärt sie als Rückgrat des Werks. Die Skizzen nach der Natur, die Kompositionsentwürfe zu den Gemälden, die Zeichnungen nach den gemalten Bildern, die Claude in einem Werkverzeichnis sammelt, dem Liber Veritatis, – nicht zuletzt auch, um das Geschaffene weiter zu überdenken.

Dabei ist der Zeichner draußen vor dem Motiv von stupender Spontaneität. Und man sieht es den tonigen Tuschen an, dass er hier nicht nur eine Vorarbeit leistet. Sie haben für ihn einen Reiz als Bilder. Aber mit diesen Bildstudien schafft er sich auch den Fundus sinnlicher Anschauung, den es braucht, um seine gedachte Gemäldewelt nicht leblos wirken zu lassen. Die "Luft seiner Gemälde" hebt ein Zeitgenosse hervor. Sein Licht, das aus der Tiefe der Räume hervordringt, ist kein Atelierlicht. Es ist denn auch nicht der Schöpfer eines Landschaftsideals, den die eigene Zeit in Claude sah, sondern primär der Meister der "Natürlichkeit".

Christus ist der Gärtner

und der Horizont.

Die Ausstellung gibt einen starken Eindruck der frühen Zeit, der 1630er Jahre. Das druckgrafische Werk – die Radierungen – bezieht sie ein ins Bild von Claudes italienischem Arkadien. Aufregung – Seesturm oder Raubüberfall – ist eine Ausnahme darin. Claude, der so aufmerksam die Augenblicke der Natur aufnimmt, lässt dann gern die Zeit still stehen. Handlung gerät ihm oft zur gemessenen Feier. Tanz ist ein Thema und Musik. Der Landschaft unterlegt er eine Tonspur. 2008 ergänzte das Städel seine Claude Lorrains noch durch eine Zeichnung einer Tamburin schlagenden Tänzerin und eines Sackpfeifers. Nun ist auch ein frühes Bild mit einem ländlichen Tanz zu sehen. Und in dem großen, aus Karlsruhe gekommenen mit der "Anbetung des Goldenen Kalbes" ist auch wieder Tanz.

Eigentlich sind dies ja zwei Bilder. Moses, der vom Berg Sinai zurückkehrt. Und das Treiben um das "Götzenbild". Doch Claude malt nur auf einer Nebenbühne den zürnenden Propheten – und gar nicht den Abfall der Israeliten von Gott. Sein Bild von Andacht und Tanz höht er mit einem Ausblick in eine lichte Ebene, die – schön gerahmt von hohen Bäumen – bis zum fernen Meer reicht. Claude nimmt ein biblisches Drama und nimmt es doch kaum wahr. Oder sollte man sagen, dass er es transzendiere?

Das Karlsruher Bild aus dem Jahr 1653 repräsentiert die ausgebildete klassische Landschaftsmalerei des Wahlrömers. In die Karlsruher Kunsthalle kam es aus einer englischen Sammlung. Viele Gemälde waren im 18. Jahrhundert aus römischen Palazzi, für die sie gemalt waren, nach dahin abgewandert. Die vielreisenden, kaufkräftigen Engländer wurden Claudes größte Bewunderer. Und zumindest was die Zeichnungen angeht, ist heute der größte Teil seines Werks auf der Insel.

So eine Ausstellung ist ohne britische Leihgeber gar nicht denkbar. Diese ist eine Coproduktion mit dem Ashmolean Museum in Oxford. Von dort kommt die Landschaft mit "Ascanius, den Hirsch der Silvia erlegend", eine Vergils "Aeneis" entnommene Szene, wie ihr Pendant mit Dido und Aeneas auch. Claudes letztes Werk ist dieser "Ascanius", aus dem Todesjahr 1682. Kaum früher ist das Frankfurter Bild, das das Wunder der Auferstehung ins Sujet der Landschaft fasst: "Landschaft mit Christus, der Maria Magdalena erscheint". Eine "Taufe des Kämmerers", die jetzt aus Cardiff dazu kam, bildet das stimmige Gegenstück.

Dass Claude die figürliche Handlung nur ein Vorwand sei, wurde oft gesagt. Sein Frankfurter Heiland steht auf der Bühne auch eher am Rand. Und das Auge wird hier wieder in eine Ferne gelenkt – über den Zaun des Gartens Gethsemane und über Jerusalem hin. Und dennoch ist das nicht zweierlei: dieser Christus als Gärtner – den das 19. Jahrhundert im Unverständnis einfach übermalt hatte – und dieser Ausblick. In dem silbrigen Ostermorgen findet der Landschaftsmaler in Atmosphäre und Raum die augensinnliche Lösung für das thematisch angerührte Übersinnliche. Im Licht der Landschaft erscheint hier Golgatha. Die Wolken ziehen ab. Und Christus wäre der leuchtende Horizont.
– Städel Museum, Frankfurt. Bis 6. Mai, Di, Fr bis So 10–18, Mi, Do bis 21 Uhr.

Autor: Volker Bauermeister