Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

08. Juli 2016

Lesetipps

Freiburger Kabarettist Jess Jochimsen stellt seine Lieblingsromane vor

Der in Freiburg lebende Kabarettist, Fotograf, Musiker und Autor Jess Jochimsen stellt seine derzeitigen Lieblingsromane vor.

  1. Thees Uhlmann Foto: dpa

  2. einzlkind Foto: ka

  3. Miranda July Foto: Todd Cole

  4. Jess Jochimsen Foto: Susanne Schleyer

Der in Freiburg lebende Autor, Kabarettist, Musiker und Fotograf Jess Jochimsen legt BZ-Leserinnen und -Lesern drei Lieblingsbücher ans Herz: Romane von Thees Uhlmann, Miranda July und einzlkind.

Sophia, der Tod und ich

"Was passiert, wenn eines Tages der Tod bei einem klingelt und sagt, dass man nur noch ein paar Minuten zu leben hat?"Ich habe keine Ahnung. Aber ich weiß, was passiert, wenn ich ein Buch in die Hände nehme, auf dessen Rückseite diese Frage in fetten roten Lettern geschrieben steht und darunter ein "rasanter, hochkomischer, berührender Roman über all das, was im Leben wirklich zählt" versprochen wird: Ich lege das Buch erstmal wieder weg! Weil ich das nicht glaube. Weil das nach einem ziemlich ausgelutschten Setting klingt. Und weil es sich bei diesem Buch um den Debütroman von Thees Uhlmann handelt, der sich weder in seinen "Tocotronic Tourtagebüchern" noch in seinen Liedern (egal ob solo oder mit der Band Tomte) in Sachen Rasanz, Hochkomik oder Anrührung besonders hervorgetan hat. Ja, schon gut, persönlicher Geschmack, ich weiß, und eine gehörige Portion Hybris meinerseits, gepaart mit Ressentiments dümmlicher Art.

Werbung


Ich habe meinen selbst verordneten Aufenthalt in der Scham-Ecke zur Lektüre genutzt und wurde von der ersten bis zur letzten Seite eines Besseren belehrt: "Sophia, der Tod und ich" ist eine ganz und gar wundervolle Geschichte, ein extrem lustiges Road-Movie und ein wildes, irrsinniges und, ja, auch berührendes Großstadtmärchen. Der Tod klingelt tatsächlich an der Tür des Ich-Erzählers, aber anstatt seinem Auftrag nachzukommen, berichtet er von seinem depressiven Jobprofil und begleitet den Helden auf eine abenteuerliche Reise quer durch die Republik. Mit dabei: die Exfreundin und die Mutter. Das Ziel: der siebenjährige Sohn, den der Erzähler seit Ewigkeiten nicht gesehen hat, dem er aber jeden Tag eine Postkarte schreibt.

Es stimmt schon, bei solchen Geschichten kann viel schief gehen, tut es hier aber zu keinem Zeitpunkt. Weil sich Uhlmann als genauer Beobachter erweist, dem die Volten und Einfälle nie ausgehen, vor allem aber, weil er den Mut zur Beschreibung von "letzten Dingen" aufbringt. Und er kann das! Uhlmann gelingen Dialoge, die diesen Namen verdienen, und er besteht sogar in der literarischen Königsklasse, der peinlichkeitsfreien Sexszene. Wer weiterhin dem Vorurteil anhängen möchte, dass Schuster bei ihren Leisten und Musiker gefälligst bei der Musik bleiben sollen, dem sei verraten, dass dieses Thema – die Profession des Autors – genau einen Satz lang verhandelt wird; in einem Bild allerdings, das immer schiefer und schöner wird, je länger man es betrachtet: "Musik ist das Telefon Gottes, mit dem er uns anruft, um zu sagen, dass er an uns denkt."Auf der Rückseite des Buchs findet sich noch dies: "Man liest, lacht, zerfließt vor Melancholie und freut sich, dass man dabei ist, bei dieser großartigen Sache namens Leben." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Der erste fiese Typ

Leuten, denen dieses Buch gefallen hat, gefällt auch der Film "Ich und du und alle, die wir kennen", die Messaging-App "Somebody" (die Nachrichten nicht elektronisch übermittelt, sondern Menschen in der Nähe sucht, um sie persönlich zu überbringen); überdies 20-jährige Frauen ohne Manieren und mit Schweißfüßen, neurotische Mittvierzigerinnen mit unterdrücktem Kinderwunsch und unerfüllter Liebe zu 20 Jahre älteren Arbeitskollegen (die eine 16-Jährige begehren), sowie Selbstverteidigungsvideos aus den 80er Jahren, lesbische Coming-Outs, abseitige Comedy, Gewalt unter Frauen, Konzeptkunst und Feminismus.

Mit anderen Worten: Nicht alle werden "Der erste fiese Typ" mögen, für mich ist es mein zweites Lieblingsbuch in diesem Jahr – und Miranda July seit ihrem Werk "Zehn Wahrheiten" ohnehin eine meiner literarischen Heldinnen. Wer sich und seine Weltsicht mal durchschütteln lassen will oder etwas über seltsame Obsessionen, hoffnungslose Liebe, existentielle Einsamkeit, aber auch das große Glück erfahren möchte, der ist hier richtig – in jeder Zeile.

Ich kann mich der anbetungswürdigen Lena Dunham nur anschließen: "Noch nie hat mich ein Buch so sehr in meiner Sexualität, meiner Spiritualität, meinem geheimen Selbst berührt wie dieses." Wer es lieber lapidar und aus dem Mund eines Mannes hört, der höre auf Dave Eggers: "Dieses Buch kann man unmöglich wieder aus der Hand legen." Er hat Recht.

Billy

Bei meinem dritten Lieblingsbuch wusste ich schon vor der Lektüre, dass ich Spaß und Freude haben würde, aber mit einem derartig großartigen Ritt hätte ich nicht gerechnet. Schon in seinen ersten beiden Romanen hat der Mann bewiesen, dass er der coolste und lustigste Autor deutscher Zunge ist – mit den bekannten Folgen: Huldigungen vom abseitigen Musikfanzine bis hin zu Hans Magnus Enzensberger, Bestsellerstatus und wildeste Spekulationen darüber, wer hinter dem Pseudonym "einzlkind" stecken könnte. Wahr ist, dass das Debüt "Harold" (2010) das erste unverlangt eingesendete Manuskript war, das in der fast 40-jährigen Verlagsgeschichte der feinen Edition Tiamat gedruckt wurde. Wahr ist weiter, dass der hochverehrte Verleger Klaus Bittermann dieses Buch (ebenso wie den Nachfolger "Gretchen" von 2013) mit Liebe, Chuzpe und Verschwiegenheit zu Erfolg und Ehren führte und nun zu Recht traurig über den Verlagswechsel sein darf.

Allerdings ist auch dies die verdammte Wahrheit: "Billy" übertrifft seine Vorgänger. Erzählt wird die Geschichte eines schottischen Auftragskillers mit Vorliebe für Nietzsche, der durch die Welt geschickt wird, um Mörder zu ermorden. Wie es sich für einen Hardboiled-Krimi gehört, lässt er sich von den Opfern deren Lebensgeschichte erzählen und gönnt ihnen einen letzten Musikwunsch. Wie es sich ebenfalls gehört, läuft irgendwann alles aus dem Ruder und Billy wird selbst zum Gejagten. Fulminanter Showdown inklusive. In Las Vegas. Wo sonst.

Diese Pulp Fiction ist allerdings derart gescheit und umwerfend witzig gebaut, dass man einem der integersten Literaturkritiker dieses Landes, dem Literaturwissenschaftler Erhard Schütz, nur beipflichten kann, wenn er in der Kulturzeitschrift Das Magazin konstatiert: "Alles in allem haben wir es mit einem atemberaubend einfallsreichen, sprachlich feinst gelungenen, zugleich abgründig intelligenten Thriller zu tun."

Ich würde sogar behaupten: Gesetzt den Fall, dass Quentin Tarantino je einen Storyliner für seine Filme anheuern wollte, er hätte ihn schon gefunden; in dem "geheimnisvollen Bestsellerautor einzlkind" (Süddeutsche Zeitung), der nichts als seine Texte für sich sprechen lässt.

Thees Uhlmann: Sophia, der Tod und ich. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 318 Seiten, 18,99 Euro.
einzlkind: Billy. Roman. Insel Verlag, Berlin 2015. 204 Seiten, 18,95 Euro.
Miranda July: Der erste fiese Typ. Aus dem Amerikanischen von Stefanie Jacobs. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 336 Seiten, 19,99 Euro.
"ZMF-Lese-Nacht",
präsentiert von Jess Jochimsen: Freiburg, Spiegelzelt, Mittwoch, 27. Juli, 21 Uhr. Mit Katinka Buddenkotte, Matto Kämpf und Elis C. Bihn.

Autor: Jess Jochimsen