Theater

Immoralisten zeigen die bestürzend komische Kafka-Revue "Der Bau"

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 13. März 2017

Theater

Solche Fräuleins hat man bei Kafka auf der Bühne noch nicht gesehen. Da könnte man glatt drauf wetten. Rote und schwarze Domina-Lack-Highheels, futuristische Minikleider wie in den Sechzigern von Courréges geschneidert, Platinperücken, rotgeschminkte Münder mit Medusenlächeln.

Die eiskalte, unerreichbare, mörderische Verführung. Wie die beiden Sirenen Chris Meiser und Christina Beer auf einem schäbigen Schreibtisch stehen und hinterlistig-kalkuliert bis in die rotlackierten Fingernägel ihre Weiblichkeit auskosten! Und dann unvermittelt "Schwarzbraun ist die Haselnuss" schmettern! Wo sind wir denn hier? Tatsächlich in Franz Kafkas finsterer Verfolgungs- und Verschwörungswelt?

Ja, genau dort. Die freie Freiburger Theatergruppe Die Immoralisten hat sich nach dem Schwergewicht ihrer klaustrophobischen Adaption von Dostojewskis Roman "Schuld und Sühne" eine Kafka-Revue gegönnt. Aus überwiegend nachgelassenen, eher unbekannten kleinen Prosatexten des Meisters paranoischer Situationen hat Regisseur Manuel Kreitmeier eine Abfolge szenischer Vergegenwärtigungen collagiert. Man kommt sich vor wie bei Daniil Charms grotesk-absurden Zuspitzungen alltäglicher Begegnungen – nur dass sich bei Kafka das Muster von Täter und Opfer, Verfolger und Verfolgtem, Gemeinschaft und Ausgrenzung durchzieht. Und, ja: Kafkas Gespür für die Ohnmacht des Einzelnen im System, für die Fragilität des Sicherheitsempfindens und in eins damit die Angst vor dem Fremden findet in der Unterminierung demokratischer Strukturen durch den "Zündfunken" (Kreitmeier) von Misstrauen, Hass und Angst einen aktuellen Widerhall wie selten zuvor. So gesehen, ist Kafka der Autor der Stunde.

Grundlegend für den mit 75 Minuten fast ein bisschen kurz geratenen Abend ist Kafkas zu Lebzeiten unveröffentlichte und unvollendete späte Erzählung "Der Bau": der wahnwitzige, atemlose Monolog eines Tiers, das sich eine riesenhafte labyrinthische Festung in die Erde gegraben hat, um die absolute Sicherheit zu genießen – und sich in eine Paranoia hineinsteigert, als es vermeintlich – oder tatsächlich – ein Zischen vernimmt. Jochen Kruß ist im Tarnanzug mit Sicherheitsweste und hysterischem Gebaren dieses Tier, das sich so gut hinter wie vor einer dicken Mauer aus schwarzen Quadersteinen verschanzt, die sich in der Mitte öffnen und wieder schließen kann.

Ein verblüffend einfaches, plausibles Bühnenbild: Mauern grenzen aus und können doch die Einwanderung des Feindes ins Bewusstsein nicht verhindern. Wie es schon die erste Episode "Gemeinschaft" zeigt: Fünf Freunde wollen wir sein und keiner mehr. Der sechste ist unerwünscht, auch wenn sich die fünf rein zufällig zusammengefunden haben und einander auch nicht kennen. Doch der sechste wird sich nicht abschütteln lassen. Immer wieder geht es um die Angst vor dem Anderen und die Unmöglichkeit, sich vor ihm in Sicherheit zu bringen. Ein Geschäftsmann (Markus Schlüter) ist guter Dinge, bis er von der fixen Idee befallen wird, sein Nachbar Harras spioniere ihn aus ("Der Nachbar"). Ein Steuermann wird ohne Grund durch einen Fremden vom Ruder verdrängt, und alle finden das normal. Niemand eilt ihm zu Hilfe ("Der Steuermann").

Dieser rote Faden hält den bei allem Schrecken – ein Mord geschieht und ein Geier ertrinkt im Blut seines Opfers – überaus unterhaltsamen Abend zusammen. Und der großartige Soundtrack von Hannah Schwegler. Die Cellistin, die drei kleine Kompositionen von Florian Wetter für Cello in ihre elektronische Klangkunst eingebaut hat, gibt dem "Bau" eine ganz starke akustische Gestalt. Manchmal klingt das wie die Begleitung von Stummfilmen mit modernen Mitteln.

Dass Kafka das Kino geliebt hat, ist bekannt. Deshalb ist der Einfall, den babylonischen Text "Das Stadtwappen" auf schwarzen Tafeln zu präsentieren, völlig schlüssig. Kafka als hochkomischer Experte für Misstrauen und Verdacht: Diese Lesart sollte man sich nicht entgehen lassen.

Weitere Aufführungen: bis 29. April.

Weitere Infos unter      http://www.immoralisten.de