Gelebte Risikofreude

Savera Kang

Von Savera Kang

So, 09. Dezember 2018

APA

Der Sonntag Corners of(f) Society zeigt in der Colab Gallery, wo es heute noch Abenteuer zu finden gibt.

"Wo kann man heute noch ein Abenteuer erleben?", fragt Daniel Künzler und liefert mögliche Antworten in der neuen Gruppenausstellung in der Weiler Colab Gallery.

Schon von Weitem schreit die Colab Gallery in Weil dieser Tage heraus, was in der Urban-Art-Begeisterung der vergangenen Jahre zuweilen verloren ging: dass Streetart nicht immer gefallen will. Die aktuelle Gruppenausstellung "Corners of(f) Society" wurde zum ersten Mal von Daniel Künzler kuratiert, ihren zweideutiger Titel – "Ecken der Gesellschaft" und "Ecken abseits der Gesellschaft" lässt er sich übersetzen – wird sie vollends gerecht.

"Ich bin erstmal bedient", sagt der 33-Jährige und blickt zu Stefan Winterle, der seit dem Tod seines Vorgängers und Freundes Sigi von Koeding – vielen besser bekannt als Graffiti-Legende Dare – die wechselnde Ausstellungen in der Galerie kuratiert hat. "Und für mich ist es gut zu wissen, dass jemand gesehen hat, was da an Arbeit drin steckt", sagt Winterle.

Die nächste Ausstellung wolle er wieder selbst zusammenstellen, mit Künzler und dem restlichen Colab-Team, doch nachdem er im Frühjahr Zeit für Privates gebraucht hatte, habe er sich entschieden, die Fäden diesmal aus der Hand zu geben. Und Künzler hat der Schau eine deutliche Handschrift verpasst.

Zum einen sind es nur sieben Positionen, die er in den zehn "Boxen" zeigt, zum anderen sind sie so radikal wie selten. "Die Show ist jetzt so, wie ich sie nicht gebracht hätte", sagt auch Winterle. Und freut sich über diese neue Sicht auf das weite Feld der Urban Art. Künzler habe Künstler eingeladen, die ähnlich arbeiten wie er – der derzeit auf der Art Basel in Miami Fotografien mit Stickereien zeigt, eine symbolträchtige Mischung aus Handwerk und Abenteuer.

Mit seiner beobachtenden Art ist ihm dies jedoch nur eine Randnotiz wert, Künzler verpackt seine eigenen Werke schnell wieder und spricht lieber über die Geschichten, die "Corners of(f) Society" erzählt.

Da sind die Road Dogs, eine wachsende Gruppe aus dem Elsass, die in wechselnder Besetzung auf Güterzügen durch die Welt reist und "Operationen" durchführt. Vordergründig geht es darum, von A nach B zu kommen, doch selten kann man überzeugender sehen, was "der Weg ist das Ziel" bedeuten kann. Unterwegs hinterlassen die Road Dogs zuweilen Hinweise, vor allem jedoch halten sie ihr Abenteuer fotografisch fest. Und so verwischt die Grenze zur Installation – ist das in Weil Gezeigte nur die Dokumentation der Kunst? Wer eingrenzen will, tut sich hier keinen Gefallen.

Die letzte Operation "Str8 Outta the Fr8" – lies: "Straight out of the fraight", also "Direkt aus der Fracht" – hatte die Colab Gallery zum Ziel. Die Polaroids der Reise sind ihr neustes Werk. Wann und wie genau sie ankommen würden, war nicht klar. Künzler konnte also kein Hotel reservieren, freut sich jedoch sichtlich über die gelebte Risikofreude.

Denn auch ihn reizt das Abenteuer – "Dieses Thema ist meine Leidenschaft, seitdem ich denken kann", erzählt Künzler, der auf einer Ranch in Paraguay aufwuchs, "weil meine Eltern auch abenteuerlustig sind."

Neben vielen Fotos, Arbeiten aus der Sprühdose und Collagen – die beim US-Amerikaner Swampy erst auf den zweiten Blick als solche deutlich werden – zeigt "Corners of(f) Society" auch gleich mehrere Videoarbeiten, die – auch das ist neu – in einem eigens installierten Kino alle am Stück betrachtet werden können.

Dominant jedoch sind die unverkäuflichen Arbeiten der Pixadores Bruno Rodriques und Fabio Vieira. Sie porträtieren die Szene der Pixação in Sao Paolo, deren rohe und zugleich verschnörkelten Schriftzüge zuweilen auch in Europa imitiert werden, in ihrer Heimat jedoch untrennbar mit politischem Protest verbunden sind.

Etwas Verspieltes findet sich dann aber auch: Die Fotos und Erzählungen eher alltäglicher Abenteuer von Luce und Eltono aus Spanien lassen sich nur über Umwege entdecken. Alles in allem "eine Ausstellung, wie ich sie gerne sehen würde", sagt Künzler.
Corners of(f) Society, Colab Gallery in Weil, Schusterinsel 9, noch bis April 2019, dienstags bis samstags zwischen 12 und 18 Uhr geöffnet, Eintritt frei.