Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
09. Februar 2012
Kultur
Gerhard Richter - The Artist
Der Maler Gerhard Richter gilt als der bedeutendste lebende Künstler – heute wird er 80.
Die Nachricht schreckte. Ein Stück deutsche Geschichte sei dem Land genommen, tönte es. Der Maler Gerhard Richter wurde dafür gescholten, dass er die 15 grau-in-grauen Bilder seines "18. Oktober 1977"-Zyklus nach New York ans Museum of Modern Art verkaufte. Die deutschen Museen dafür, dass sie das Geld nicht aufbrachten, sie im Land zu halten. Eine Welle der Empörung. So, wie schon einmal ein paar Jahre vorher. Ende der 80er, als Richter die Bilder gemalt hatte und man ihm unterstellte, der terroristischen Bande ein Denkmal zu setzen, die noch mit ihren inszenierten Selbsttötungen in den Gefängniszellen in Stuttgart-Stammheim das Land in Aufruhr versetzt hatte. Als Sympathisant der RAF wurde der Maler angegriffen. Dabei äußert er sich ja in den Bildern gar nicht. Nichts lag ihm ferner als ein Denkmal.
Drei Millionen Dollar zahlte das New Yorker Museum seinerzeit für die Werke, von denen viele meinten, dass sie nach Deutschland gehörten. Richter war sich sicher, dass er das beste Museum dafür gefunden hatte. Das war ihm wichtig, nichts sonst. "Kein Anschauungsunterricht in deutscher Geschichte" sind nach seiner Meinung die Tafeln. Als "ins Allgemeine verundeutlicht und vermalt", beschrieb er sie. Ein politischer Künstler? Mitnichten. Obwohl es manchmal so aussieht. Und auch kein Protagonist der Schönen Kunst übrigens. Obwohl es in andern Fällen so scheint. Für Richter steht fest: Bilder folgen keiner Richtung. Sie sind eine Sache für sich.
Werbung
Dass die Preise für seine Kunst dies mittlerweile auch sind: Der Maler sieht es mit Unverständnis. Von heute aus gesehen war der Stammheim-Zyklus für das MoMA ein Schnäppchen. Längst ist Richter unter den lebenden Künstlern der teuerste. Und zu seinem 80. Geburtstag jetzt ist viel von Ranking und Rekordpreisen die Rede. Zwölf Millionen Euro für ein sogenanntes abstraktes Bild. Zwölf Millionen für ein Kerzenmotiv. Als unlängst Fotos auftauchten von Arbeiten, die Richter zerstört hatte, wurde flugs ausgerechnet, was da nach heutigem Marktwert verloren ging. Unsummen natürlich.
Auch Bilder der frühen 60er Jahre waren dabei. Aus der Zeit, in der Richter damit anfing, nach Fotos zu malen. 1961 war er aus der DDR ins Rheinland gekommen, in Dresden hatte er gelernt, wie Malen (technisch) geht – und was es heißt, ideologischen Vorschriften unterworfen zu sein. Die Stilfreiheit im Westen kostete er aus – und wurde ihrer rasch überdrüssig. Fürs Werkverzeichnis lässt er heute nur gelten, was nach der Entscheidung zur Stillosigkeit entstand. Unfarbige Bilder, die wie verwackelt wirken, machen den Anfang. Amateurfotografie und Abbildungen aus Zeitschriften und Zeitungen bilden die Vorlage. Ein Speicher trivialer Bilder, wie er sich in seinem "Atlas" darstellt, der Materialsammlung, die auf der Documenta X zu sehen war und die seine Geburtsstadt Dresden zum 80. Geburtstag ausstellt.
Unschärfe
Richters Weg zur Kunst führt durch die Unkunst. Und wenn er wieder auf die Kunst rekurriert, dann demonstrativ unkünstlerisch: einer, der etwas nur aufnimmt. Der malt, wie andere malen, ohne sich Stil und Ideologie zu eigen zu machen. Richter wurde "Chamäleon" genannt, noch bevor man vom "Meister aller Klassen" und vom "Picasso des 21. Jahrhunderts" sprach.
Er malte Farbtafeln als eine Art Beitrag zur Minimal Art, entlastete mit seinen "Vermalungen" die Malerei des Gestischen vom behaupteten Ausdruck, versiegelte Malflächen reduktionistisch in Grau und wurde darauf in den 80ern zum opulenten Abstrakten. Holte obendrein weit in die Kunstgeschichte aus: zitierte Tizian, spielte auf Vermeer an und unterzog Caspar David Friedrichs unendliche Landschaften einem Stresstest. Er sieht sich als "Erbe" einer Tradition, die sich ihm aber zugleich als gebrochen darstellt – und doch als "verpflichtend". Auch seine am Kunstmarkt so erfolgreichen abstrakten Bilder zeigen diese Ambivalenz. Großartig inszenierte Malerei, in die der Rakel verneinend hinein fährt. Voller Brüche ist sie. Was ihr abgeht, ist jene Art Überzeugung, wie sie die Avantgarde einst zur Schau stellte. Richter, der seine Bildwelt in jeder Richtung öffnete, bietet keinerlei Weltanschauung mehr.
Jetzt bei den laufenden Vorgeburtstagsfeiern wurde ihm einmal wieder die leidige Frage nach dem "roten Faden" gestellt, die er wie üblich nicht beantwortete. Wie der Faden denn aussehe bei ihm? "Rot", konterte er lakonisch. Ja eben: Dies Schweigen ist der vermisste Faden. Dieses fortdauernde bildnerische Sich-nicht-Äußern, das am Anfang sich wie schiere Negation ausnahm ("Scheißmalerei") – und das dann rückblickend als künstlerische Strategie einleuchtet. Als Entscheidung im Sinn der Kunst, nach allen Stilen und obsoleten Utopien.
Richter malt barockes Memento mori und moderne Madonnenbilder und kalkuliert als Wirkungsmoment die Bildstörung mit ein. Seine Bilder changieren zwischen "echt und ehrlich" und Klischee, zwischen Oberfläche und Sinnbezug. Sein RAF-Zyklus ist kein Statement, so wie sein Fenster im Kölner Dom kein Bekenntnis zum Glauben ist. Jener hat mit dem Wellblech nicht wenig zu tun, das er malte, oder dem grauen Vorhang – dieses weniger mit Tizians Verkündigungsengel, den er nachmalte, als mit den nichts sagenden Farbtafeln.
Richter erweckt nicht den Anschein, als wäre er mit was im Reinen. Kein Mann für den Meinungszirkus. Seine Malerei drängt sich nicht auf für die tägliche Talkshow. Zerreden lässt sie sich schlecht. Es bleibt immer was. Ein Rest, der sich nicht auflösen lässt. Er nennt es einmal: was "über meinem Verstand" ist. Eine idealistische Bildtheorie will er darauf nicht gründen. Aber er zählt drauf. Er akzeptiert Ungewissheit. Ungereimtheit. Aber an die Bilder glaubt er fest. Gerhard Richter – The Artist.
Autor: Volker Bauermeister
