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25. Februar 2009
Holocaust und schöne Bilder
Neu im Kino: In Stephen Daldrys "Der Vorleser" sammelt Kate Winslet Sympathiepunkte
Für diese Rolle bekam Kate Winslet vor drei Tagen ihren Oscar als beste Hauptdarstellerin: Sie spielt die Deutsche Hanna Schmitz in der Kinoadaption von Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser", ist im größten Teil von Stephen Daldrys Film eine Frau von 36 Jahren und verleiht dieser Figur erstaunliche Facetten. Selbst in Momenten größter Verspieltheit haftet Hanna eine zunächst kaum greifbare, unwirsche Starre an, und noch in den entblößtesten Zärtlichkeiten hält sie sich trotzig bedeckt, scheint immer vor etwas auf der Hut zu sein. Bald ahnt man, dass sie sich auf ihren Liebhaber Michael nur einlassen kann, weil der gut zwanzig Jahre jünger ist als sie, ihre Geheimnisse sind vor ihm sicher. Lange bevor der Film in Hannas Abgründe tatsächlich hineinschaut, hat die rätselhafte Schöne auch die Herzen vieler Zuschauer gewonnen.
Kate Winslets Oscar-Auszeichnung adelt einen Film, den viele allerdings lieber nicht geehrt gesehen hätten. "Der Vorleser" erzählt, wie in den frühen deutschen 50er Jahren der Heranwachsende Michael Berg die Liebe mit einer Frau entdeckt, die er später, als Jurastudent, dann entsetzt als Angeklagte bei einem Auschwitzprozess wiedersieht – Hanna Schmitz war 1943 freiwillig zur SS gegangen, war KZ-Wächterin gewesen, hatte Menschen für die Gaskammern selektioniert. Michael wird ein Leben lang von Schuldgefühlen zermürbt werden, nicht nur wegen der Liebe zu dieser Täterin, sondern auch, weil er die einstige Geliebte später fortgesetzt verleugnet – eine Seelenpein, der Ralph Fiennes als erwachsener Jurist Berg in einer Rahmenhandlung die passende Leichenbittermiene verleiht.
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Vor allem in den USA und anderen Ländern, wo "Der Vorleser" bereits seit etlichen Wochen läuft, gilt das Kinostück vielen Kritikern als klebrige, selbstmitleidige "Holocaust-Schmonzette". Die Reaktionen auf die 1995 erschienene, rasch zum Weltbestseller aufgestiegene Romanvorlage waren noch überwiegend positiv ausgefallen – von einem "leisen und klugen Buch" ging die Rede, von "bestechender Aufrichtigkeit" im Umgang mit deutscher Vergangenheit und deutscher Schuld. Kritische Einwände gingen damals fast unter. Hierzulande ist Schlinks Roman übrigens längst ein empfohlener Unterrichtsstoff für die Deutschstunde.
Der Film ist spürbar bemüht, seiner Vorlage über weite Strecken treu zu bleiben – und verstärkt dabei ganz erheblich ein Unbehagen, das sich beim Lesen vielleicht nur zaghaft gemeldet hatte. Vielleicht hätten Daldry und sein Drehbuchautor Davide Hare für manche Sätze und Buchabschnitte gerade nicht die genau "passenden" Bilder finden sollen. Die Rückschau auf erste erotische Erfahrungen in den Worten eines mitunter deutlich zerquälten Ich-Erzählers zu lesen, ist eine Sache. Einen nackten Hollywoodstar mit dem netten deutschen Nachwuchsschauspieler David Kross in Bett und Badewanne herumtollen zu sehen, eine ganz andere. Schlicht gesagt: Durch Kate Winslet sammelt Hanna von vornherein so viel Sympathiepunkte, dass man ihr einfach alles verzeihen würde.
Manchmal greift der Film auch zu eigenen Bildern, und dann vergreift er sich, wird aufdringlich plakativ. Im Buch fährt Michael Berg einmal zum Konzentrationslager Struthof-Natzweiler im Elsass . Für den Film muss es Auschwitz sein, mit einer feierlichen Gedenkminute vor eindrucksvoll restaurierten Verbrennungsöfen. Und wenn nach Hannas Selbstmord im Gefängnis eine 1945 gerade noch gerettete Jüdin die zerbeulte alte Teedose ihrer KZ-Wächterin auf den Kaminsims ihrer New Yorker Wohnung stellt – im Vernichtungslager war ihr ein ganz ähnliches Behältnis, ihr letzter "Schatz", abhanden gekommen –, kann man den Versöhnungskitsch einfach nicht fassen.
Bei so viel Plumpheit in garantiert geschmackvoll arrangierten Bildern stößt dann auch das große, gewichtige Bildungsthema dieser Geschichte zunehmend sauer auf: Hannas Analphabetismus. Einige frühe Szenen, in denen der ahnungslose junge Michael sich zwischen den Liebesspielen als "Vorleser" betätigen muss, sind gelungen. Doch mit der Erkenntnis, dass Hanna nur zur SS gegangen war, weil sie sonst bei einer anstehenden Beförderung am alten Arbeitsplatz ihre Leseunfähigkeit hätte offenbaren müssen, wird ein Motiv zur Schicksalsmacht überhöht. Da west dann Bedeutungsschwere, die sich durch nichts beglaubigt und im Film schließlich darin gipfelt, dass Hanna zum Freitod durch Erhängen ausgerechnet auf einen Bücherstapel klettern muss. Diesen bizarren Einfall hatte uns der Roman erspart.
– "Der Vorleser" (Regie: Stephen Daldry) läuft flächendeckend.
– Ein Interview mit Oscar-Preisträgerin Kate Winslet lesen Sie heute im "Ticket".
Autor: Jürgen Frey
