Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
11. Januar 2010
Humoriges Musical mit Opernatmosphäre
"Phantom der Oper" im nahezu voll besetzten Burghof Lörrach
Als prunkvoller Ballsaal und als schaurig-düstere Katakomben präsentierte sich am Samstag die Pariser Opéra Garnier im Lörracher Burghof – und mit ihr das Phantom der Oper. Nicht das berühmte Musical von Andrew Lloyd Webber und Richard Stilgoe war es jedoch, was die Zuschauer im fast voll besetzten Haus zu sehen bekamen, sondern eine vollständig andere Fassung des Stoffs mit eigener Musik und der Sopranistin Deborah Sasson in der Rolle der Christine Daaé.
Rockiger und popiger, mehr an zeitgemäße Unterhaltungsmusik angelehnt, erwies sich die Musik schon in der Ouvertüre, doch waren andererseits in der Inszenierung auch bekannte Opernstücke, etwa von Strauß, Puccini oder Verdi zu hören. Die Handlung war indessen im Wesentlichen dieselbe wie bei Webber, schließlich hat dieser sie nicht erfunden. Die Geschichte des Phantoms der Oper geht bekanntlich auf den gleichnamigen Roman des französischen Schriftstellers Gaston Leroux zurück, der bereits 1911 erschienen ist und seitdem mehrfach verfilmt und in vier unterschiedlichen Fassungen auf die Bühne gebracht wurde. Dennoch ist die von Ulrich Gerhartz und Saliha Raschen produzierte Inszenierung eine neue Adaption der Romanvorlage, die in einigen Details andere Akzente setzt und sich enger an den Roman hält, etwa mit der Figur des Persers (Christian Böhm), der hier eine tragende Rolle spielt.
Werbung
Natürlich hat man heute Webber im Kopf, wenn man an das Phantom der Oper denkt, doch die Inszenierung, die im Burghof zu sehen war, braucht den Vergleich nicht zu scheuen. "Bei Webber stört mich vor allem, dass die Geschichte in einem Opernhaus spielt, man aber fast keine Opermelodien hört", sagte Echo-Klassik-Preisträgerin Deborah Sasson im Gespräch mit der BZ.
Deshalb nahm man einige klassische Opernstücke in die Aufführung hinein, wobei der Wechsel zwischen Klassik und modernen Musicalmelodien eine besondere Herausforderung für die Sänger darstellt, wie sie bemerkte. So deckte die Aufführung ein breites Spektrum ab, denn auch unterhaltender Humor kam nicht zu kurz dabei. Mit Comedy- und Slapstick-Elementen zeichnet sie die Charaktere der Operndiva Carlotta (Sonja Heiermann), der beiden Operndirektoren (Stefan Schael und Nils Schwarzenberg) und des Kommissars (Tadeusz Kopec). Ernsthafter kamen dagegen die Hauptakteure daher, Deborah Sasson als Christine, Axel Olzinger als Phantom und Joachim Sautter als Raoul, die mit toller Schauspielkunst und großartigem stimmlichen Können beeindruckten. Zusammen mit dem Live-Orchester ließen die Akteure auf der Bühne die Inszenierung zu einem gelungenen musikalischen und schauspielerischen Ereignis werden, dessen Wechsel von Gags und Dramatik, von Klassik und Popmusik für inhaltliche und musikalische Spannung sorgten.
Für ein Tournee-Theater, das jeden Tag auf- und wieder abgebaut werden muss, waren auch die Kulissen äußerst eindrucksvoll und schufen zusammen mit der aufwendigen Ausstattung eine meisterhafte Illusion, was sowohl für die Oper, als auch für den Friedhof Montmartre und insbesondere die Katakomben und den unterirdischen See gilt, den es unter der zwischen 1860 und 1875 von Charles Garnier erbauten Pariser Oper tatsächlich gibt. Es war eine frische, mit allen Wassern gewaschene und dabei ausgereifte Neuinterpretation des Stoffes von Leroux, die die Zuschauer im Burghof erlebten, eine gelungene Verbindung von humorigem Musical und musikalisch hochstehender Opernatmosphäre.
Autor: tm
