"Ich male mit Musik"

Reiner Kobe

Von Reiner Kobe

So, 09. September 2018

Kultur

Der Sonntag Mit Pit Baumgartners Band De-Phazz startet das Jazzfestival Freiburg.

Vor 20 Jahren begann alles mit einer Melange aus Drum’n’Bass, Latin und Soul. Sie beschallte die Lounges mit hippen Sounds. Dazu kamen originelle Samples sowie Bigband- und Filmmusik-Sounds, ein Spiel mit den Genres aus dem Computer. Das Ganze hatte Pit Baumgartner entwickelt und zu einem tragenden Geschäftsmodell gemacht.

Der Heidelberger Hörspielmacher, ein besessener Studioarbeiter, der sein Talent in Collagen und in Schnippeln sieht und keinesfalls Komponist genannt werden will, gibt sich als DJ, der mit Samples arbeitet und sie in völlig neue stilistische Kontexte stellt. Rasch hatte Baumgartner interessierte Musiker um sich geschart – "Ich bin in dieses Band-Thema irgendwie reingerutscht" – und aus dem Ein-Mann-Projekt eine Elektronik-Band gemacht, die sich die "destination future jazz" zum Ziel setzte, abgekürzt "De-Phazz". Die Freiheiten dieser Musik kamen zupass. "Vom Jazz geprägt ist ganz konkret bei uns die Einstellung zur Musik", hieß es entschieden.

Baumgartner war urplötzlich zum Mastermind einer der populärsten deutschen Formationen geworden. De-Phazz avancierte zu prägenden Protagonisten des Lounge-Jazz, jener Spezies, die nichts und alles besagt. In Wirklichkeit ging es um Musik, die in Hotel-Lounges und -Bars gespielt wird und sich aus entsprechend arrangierten Cover-Versionen aktuelle Hits zusammensetzt, letztendlich aber Hintergrund wurde. Mit diesem Gespür war Pit Baumgartner gesegnet. "Ich male mit Musik und nehme mir Rohstoffe aus verschiedenen Töpfen", erklärte er einmal. Und: "Humane Züge, also Stimme und akustische Instrumente sind mir dabei sehr wichtig." Die dabei beteiligten Musiker bezeichnete er als "Schätze und wandelnde Musikboxen mit vielen Erfahrungen". Bei Bearbeitungen von beliebigen Musikstücken werden ihre Vorschläge wie "Da könnte ein Schuss Jazz oder ein bisschen Hildegard Knef rein" geprüft und meistens für gut befunden. "Es ist ein Leichtes für die Kollegen, das einzubringen", weiß der Mastermind.

Für Karl Frieson zum Beispiel. Der aus South Carolina stammende afroamerikanische Vokalist ist mit Jazz und Gospel groß geworden, hat auch ein wenig Klassik gesungen. Seine Erlebnisse und Erfahrungen im Alltag, beim Militär und bei Reisen bringt er in den Songs zum Ausdruck. Mag Karl Friesons Musikauffassung mitunter konträr zu der von Baumgartner stehen, so machen sie doch den Reiz von De-Phazz aus. "Mit Pit kann ich immer arbeiten", so der Sänger, "denn er braucht eine schwarze Farbe."

Dass Baumgartner Musik "malt" und Klangfarben produziert, hat er wiederholt betont. "Ich produziere so wie ein Maler malt. Ich lege eine Grundierung an, meinetwegen blau, dann fällt mir zu dieser Farbe oder zu diesem Rhythmus etwas ein." Im Lauf der Jahre haben sich diese Klangfarben verändert und an Substanz gewonnen.

Nicht nur das: Die aktuelle CD "Black White Mono" ist folglich ein echtes Band-Projekt. Aus dem Produzentenprojekt an Computer und Mischpult des "unermüdlichen Klangsammlers, Sample-Experten und Schnittmeisters Pit Baumgartner" (Plattenfirma) ist eine wahrhaftige Musikgruppe geworden. Alle Musiker waren am Entstehungsprozess des Albums beteiligt, alles ist viel organisierter als früher, wo munter montiert und gesamplet wurde. "Wir wollen erkennbar werden", war vor Jahren schon die Parole, um das eigene Profil zu schärfen.

Dies ist De-Phazz nun gelungen. Zwei Jahrzehnte Band-Existenz verdichten sich in den neuen Aufnahmen zu einem nahezu schlüssigen Ganzen. Auch wenn man vom Lounge-Jazz nicht mehr viel wissen will, bleibt die stilistische Palette breit gefächert: von Electro-Funk bis Swing, von Bossa bis Blues ist alles vertreten, selbst das französische Chanson wird in Umrissen präsentiert. Es gibt auch Neubearbeitungen bekannter De-Phazz-Songs oder alte Vocals treffen auf ganz neue Arrangements.

"Tonnenweise Soul und tänzelnde Ironie"

Der zeitweise aus bis zu neun Mitgliedern bestehenden Band bescheinigt die Plattenfirma "ein ausgeprägtes Stilbewusstsein, knochentrockene Grooves, tonnenweise Soul und eine tänzelnde Ironie". Die Band, bestätigt Pit Baumgartner, "hat einen Weg eingeschlagen, der ein wenig wegführt von all der Elektronik, auch weg von der oberflächlichen Leichtigkeit des Lounge. Es gibt noch ein anders Spektrum".

Wie dieses aussehen wird, ist nächsten Sonntag bei der Eröffnung des Freiburger Jazz Festivals für jeden ersichtlich. Auch dass De-Phazz auf dem Boden geblieben ist, nimmt man Pit Baumgartner gerne ab: "Wenn unsere Musik ein wenig dazu beiträgt, dem Tag einen kleinen Blauton hinzuzufügen, den Menschen etwas Erleichterung von ihren Sorgen und Nöten zu bringen, dann hat unsere Arbeit einen Sinn."
De-Phazz, Konzert am Sonntag, 16. September, 20 Uhr, Jazzhaus Freiburg im Rahmen des Jazz Festival Freiburg bis 23. September; Infos unter http://www.jazzfestival-freiburg.de