"Ich möchte die Leute in die Wälder mitnehmen"

Das Gespräch führte Stefan Franzen

Von Das Gespräch führte Stefan Franzen

So, 09. Dezember 2018

Kultur

Der Sonntag Sängerin Lula Pena kommt zu "Stimmen im Advent".

Die Portugiesin Lula Pena ist eine Künstlerin, die abseits aller Klischees steht und in ihren Liedern die ganze Welt bündelt. Mit tiefer Stimme wandelt sie zwischen Fado und Bossa Nova, mediterraner und südamerikanischer Liedkunst. In der Evangelischen Stadtkirche in Lörrach sind am heutigen Sonntag ihre Lieder im Wechsel mit Pessoa-Rezitationen zu hören.
Der Sonntag: Frau Pena, Sie sind in Lissabon geboren und aufgewachsen – wie hat die Stadt Ihre Musik beeinflusst?

Anfangs dachte ich noch nicht an eine musikalische Karriere, interessierte mich eher für Bilder, Lissabons schönes Licht übte eher einen Einfluss auf mich aus. Ich erinnere mich, dass ich genauso sensibel auf Stille wie auf Klänge reagierte. Ich reiste dann viel herum, wurde schon früh eine Nomadin, so habe ich auch die Sounds anderer Städte erfahren. Wenn ich im Studio bin, stören mich Geräusche von außen auch nicht, Autohupen und Vogelgezwitscher kam in meine Musik wie eine erste Band-Erfahrung, denn eigentlich hatte ich ja nie eine Band.

Der Sonntag: Ihr erstes Album haben Sie "Phados" genannt, was hat es mit diesem "ph" auf sich?

Ich habe sehr spät angefangen, Fado wertzuschätzen. Für mich war er zu dunkel, es gab zu viel Leid darin. Als ich mich dann dafür interessierte, war es eine physische Erfahrung, es hat meine Knochen, meine Nerven, meinen Körper, meine Haut gepackt. "Phados" mit "ph" bezieht sich auf den Ph-Wert der Haut. Ich habe die Basen und Säuren des Fados absorbiert, die da auf mich zukamen. Ich fand heraus, dass Tango, Flamenco oder welcher Ausdruck anderer Kulturen auch immer, stets auf den gleichen Elementen beruht. Anstatt die Verschiedenheiten der Stile zu sehen, wollte ich die Gemeinsamkeiten finden und eine neue Dimension für sie öffnen.
Der Sonntag: Wenn Sie in diesen Gemeinsamkeiten denken, was ist dann für Sie die Essenz eines guten Songs, unabhängig vom jeweiligen Stil?

Ich weiß immer noch nicht, was das Mark, der Kern eines Songs ist, ich suche weiterhin danach. Es ist, wie wenn du ein Gericht aus einer fremden Kultur serviert bekommst. Entweder du sagst: "Oh, das sieht lecker aus!" Oder: "Lieber nicht, da wird mein Körper dagegen rebellieren, vielleicht bin ich auf irgendeine Zutat allergisch." Da ist das Gefühl, dass dich etwas nähren, für dich wie eine Medizin sein wird. Ich tue das Gleiche mit Klängen und Worten. Ich baue eine neue Apotheke auf und gewinne dabei an Selbsterfahrung. Ich merke, dass mir dieses Lied erlaubt, tiefer zu atmen, oder jenes, mein Unterbewusstsein zu schärfen. Nach einem Kern von etwas zu suchen, das tun wir doch alle. Und merken dann, dass der Kern in uns selbst ist. Oder sagen wir es so: Ich will nicht versuchen, das zu spielen, was ich höre. Ich will einfach hören, was ich spiele.
Der Sonntag: Ihre Stimme hat androgyne Qualitäten – versuchen Sie, in Ihrem Gesang die Grenzen zwischen Mann und Frau zu überwinden?

Nicht absichtlich. Vielleicht bin ich mir bewusst, dass diese Dualität im Leben nicht mehr funktioniert und deshalb werde ich Teil dieser Haltung. Vielleicht ist meine Stimme einfach der Ausdruck meiner Verhaltensweise, meiner Muster, meiner Lebenserfahrungen, die diese Dualität annullieren. Eine Stimme ist eine Stimme, da müssen keine Kategorien an ihr kleben. Wir müssen wieder lernen, Dinge wie ein Kind wahrzunehmen, ohne vorgefasstes Wissen. Stimmen sind einfach Qualitäten und Spirits.
Der Sonntag: Wenn man Ihnen beim Gitarrespielen zuschaut, gewinnt man den Eindruck, dass das eine Partnerin mit eigener Stimme ist…

Die Gitarre ist eine zweite Präsenz, ein zweiter Körper. Ich versuche, die Balance zwischen Stimme und Gitarre zu finden, und was als Resonanz rauskommt, ist eine dritte Person, Wesenheit. Es ist ein Mysterium, ich kann sie nicht trennen. Ich kann zwar Gitarre spielen ohne zu singen, aber nicht umgekehrt. Die Gitarre ist die Plattform für die Stimme, damit sie ihr Territorium finden kann. Sie sind eins.
Der Sonntag: Ihr aktuelles Album haben Sie "Archivo Pittoresco" genannt. Was verbirgt sich dahinter?"

"Pittoresco" war eine Bewegung von Malern, die akademische Regeln von Perspektive oder Gleichgewicht gebrochen haben. Stattdessen beschlossen sie, durch die Wälder zu streifen, unregelmäßige Landschaften zu malen. Ich dachte, es wäre interessant, das auf die Musik zu übertragen. Auf die Bühne zu gehen, ist für mich, wie in einen Wald hineinzugehen, und mit allem, was da ist, zurechtzukommen. Das erlaubt es mir, ein Zeitgefühl zu entwickeln, und es erschafft eine Landschaft. Ich will, dass das Publikum mit mir geht, will es aber nicht füttern, nicht Erwartungen in puncto Harmonien und Melodien erfüllen. "Archivo Pittoresco" ist mein persönliches Archiv. Ich möchte die Leute in die Wälder mitnehmen und selbst sehen lassen, was es da alles gibt.

Das Gespräch führte Stefan Franzen
Stimmen im Advent mit Lula Pena und Peter Schröder (Rezitation). Evangelische Stadtkirche Lörrach, Basler Straße 147. Heute, 9. Dezember, 17.30 Uhr.