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22. September 2010

In der EU ist Deutsch ein Papiertiger

Eine Diskussion beim Germanistentag in Freiburg.

Es steht nicht gut um Deutsch in Europa. In der EU wird es als Amtssprache nicht gebührend gewürdigt, Deutschlehrer werden im Ausland schlecht bezahlt und die Lehrpläne so geändert, dass Deutsch leicht unter den Tisch fällt. Mit diesem Lamento eröffnete Annette Julius, Leiterin der Programmabteilung Nord des Deutschen Akademischen Austauschdiensts, auf dem Deutschen Germanistentag in Freiburg die Podiumsdiskussion zum Thema "Deutsch in Europa". Auf den Nenner, dass es zu wenig Deutsch in Europa gibt, konnten sich die Teilnehmer des prominent besetzten Podiums einigen. Für Frankreich präzisiert Maurice Godé, französischer Germanist und Berater des Erziehungsministeriums, den Befund: In den letzten 15 Jahren sei der Anteil des Deutschunterrichts von 30 auf 11 Prozent zurückgegangen, habe sich inzwischen bei 15 Prozent stabilisiert.

Auch Konrad Fuhrmann von der Generaldirektion Übersetzung der Europäischen Kommission weiß zu berichten, dass der Status der deutschen Sprache bei EU-Veranstaltungen ein Papiertiger ist, der in Sonntagsreden beschworen, aber kaum umgesetzt wird. Nicht mal vom Goethe-Institut in Brüssel. Dort wurden deutsche Redner eingeladen, einen Vortrag auf Englisch zu halten, und als sich der belgische Deutschlehrerverband darüber beschwerte, brach das Institut den Kontakt ab.

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Erschreckend niedrige

Sprachkompetenz

Immerhin gibt es auch Tröstliches. Als Julius in Tschechien ihr weniges Tschechisch anzubringen versucht, wird ihr auf Deutsch geantwortet. Ludwig Eichinger, Direktor des Instituts für Deutsche Sprache, weiß noch tröstlichere Zahlen: Nach dem Englischen, das von der Hälfte der EU-Bürger gesprochen wird, folgt mit einem Anteil von einem Drittel das Deutsche. Selbst aus Japan gibt es Trost. Als Eichinger einen Vortrag mit dem Titel "1000 Gründe Deutsch zu lernen" hielt, von denen er nur drei liefern konnte, ergänzte ein Japaner aus dem Publikum: Er würde Deutsch lernen, damit er nachlesen könne, was die schwäbischen Tüftler Neues erfunden haben.

Die baden-württembergische Ministerin für Kultus, Jugend und Sport Marion Schick bremste möglicherweise aufkeimende Euphorie mit der Feststellung, dass Deutsch auch im Inland ein Problem sei. Nicht nur bei Menschen mit Migrationshintergrund, auch bei Muttersprachlern sei die Sprachkompetenz oft erschreckend niedrig. Darüber, dass der Schlüssel für den Spracherwerb in den Schulen liege, waren sich alle einig. Wenn Deutsch vom Lehrplan verschwindet, gibt es auch keinen Germanistennachschub mehr. Bleibt die Anregung von Fuhrmann zu beherzigen, die Förderung des Spracherwerbs in Tausenden kleinerer Maßnahmen umzusetzen. Nicht immer gleich Englisch reden, sondern mal die Übersetzer in Anspruch nehmen. Das nütze auch den andern nicht-englischen Sprachen.

Autor: Jürgen Reuß