Konzertkritik

Jeff Beck in Karlsruhe: Lehrstunde in Sachen Saitenzauber

Alfred Rogoll

Von Alfred Rogoll

Fr, 06. Juli 2018 um 19:39 Uhr

Rock & Pop

Jeff Beck gilt zu Recht als einer der besten E-Gitarristen der Rockwelt. So wurde sen Auftritt im Karlsruher Tollhaus zu einer Lehrstunde in Sachen Saitenzauber.

Als Star an der elektrischen Gitarre galt der Engländer Jeff Beck schon in der Beat-Ära der 60er. Damals mit den Yardbirds, als Nachfolger Eric Claptons und mit Led Zeppelin-Vater Jimmy Page. 1966 entstand dort mit "Roger The Engineer" ein bahnbrechendes Album, es bereitete mit nie zuvor gehörten Klängen und Psychedelica neben geradlinigem Rock zum Beispiel Creams maßstabgebenden "Disraeli Gears"-Album den Weg. Während andere noch, wie einst üblich, mit Songs und storybeladenen Alben die Charts anpeilten, übte sich der Versierte aus dem Londoner Umfeld im Ausloten der Möglichkeiten elektrischer Gitarrenklänge.

Becks Auftritt am Donnerstag im Karlsruher Tollhaus wurde zu einer umfassenden Vorstellung in Sachen Saitenzauber. "Pull It", einer lautstark dichten, tosenden Nummer vom letzten Studioalbum "Loud Hailer", folgte bald das rockende "Stratus", ein Stück aus den 70ern von Billy Cobham. Filigran erklang danach Nitin Sawhneys "Nadia". Laut Jeff Beck eines der anspruchsvollsten Stücke, die er je für sein Instrument bearbeitete, "als Kombination von Slide-Linien, extremen Tondehnungen mit den Fingern und weitschwingenden Noten mit dem Vibratohebel". Solches beherrscht wohl kaum jemand besser als er, der auch in fortgeschrittenem Alter täglich noch stundenlang vor Gitarre übt, während der Fernseher ohne Ton läuft.

Von seinen fast 74 Jahren scheint die Kunst des Virtuosen keinesfalls beeinträchtigt. Im Gegenteil, Jeff Beck agiert eher noch gereifter. "You Know, You Know", einst ein breitgezogenes Stück von John McLaughlins Mahavisnu Orchestra wird einmal mehr für ihn zur glänzenden Spielwiese. Mit atemberaubender Selbstverständlichkeit und Eleganz brilliert der Saiten-Hero an der Fender Stratocaster, während der Jazzrockdschungel seltene Blüten treibt.

Seinen Begleitern, dem exzellenten amerikanischen Schlagzeuger Vinnie Colaiuta, einst bei Frank Zappa, und der wohlerprobten kanadischen Bassistin Rhonda Smith aus dem Prince-Gefolge lässt Beck genügend Raum, um sich und ihr Spiel einzubringen. Blasser gerät daneben erwartungsgemäß der Beitrag des amerikanischen Sängers Jimmy Hall, einst Mitbegründer der Southern Rocker Wet Willie; Jeff Becks Fähigkeiten kommen bevorzugt und intensiv bei rein instrumentellen Stücken zur Geltung. Ein Beispiel dafür ist, wie überwältigend er schon in den 70ern Stevie Wonders "Cause We’ve Ended As Lovers" in Zusammenarbeit mit dem Beatles-Produzenten George Martin als einen der feinsten Blues-/Rock-Tracks stilisierte. Diese beeindruckende Nummer wirkt hier nun fast zu kurz, doch höchst gefühlvoll und locker variiert im aufgeheizten Karlsuher Tollhaus. Weniger spektakulär, weniger trefflich fällt insgesamt das Engagement der bemühten Cellistin Vanessa Freebairn-Smith vom Sonus Quartett aus Los Angeles aus. Ihr oft leises Spiel erscheint in den elektrischen Wogen der Musik zwar klanglich nicht als Fremdkörper, aber die Finessen eines solchen Streichinstrumentes kommen wenig zum Tragen.

Zum Schluss, nach dem obligatorischen Sgt.-Peppers-Finale "A Day In The Life" folgt letztlich eine stattliche Version von "Goin’ Down", dem soulgetränkten Rock der kurzlebigen Formation The Alabama State Troupers. So zugkräftig präsentierte das allenfalls Bluesrocker Walter Trout mit seinen eingespielten Mannen, doch was Beck hier zwischen Selbstgespräch und fulminanter Dynamik seinem Instrument entlockt sucht seinesgleichen. Starker Applaus. Wie prächtig diese Vorstellung war, war noch auf dem Weg zum und auf dem Parkplatz zu hören. Ein mit hohen Erwartungen gekommenes Publikum zeigte sich nicht nur vom Gitarrenfeuerwerk ergriffen.