Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
29. Juli 2009
Die Tyrannenmörderin
Sebastian Nüblings Musik-Theater-Projekt "Judith" nach Friedrich Hebbel mit Klängen des Barockkomponisten Antonio Vivaldi bei den Salzburger Festspielen.
Nachdem Jürgen Gosch seine Inszenierung von Euripides’ "Bakchen" nicht mehr zu Ende führen konnte, fehlt bei den Salzburger Festspielen in diesem Jahr die zentrale Schauspielpremiere. Wenn das kein Omen für die Zukunft ist, die von dem Zürcher Musiktheaterduo Alexander Pereira, dem Flimm-Nachfolger, und Sven-Eric Bechtolf, seinem Schauspielchef, der in Zürich zuletzt ausschließlich Opern inszeniert hat, geprägt sein wird. Da mag es ein Zufall sein – aber ein schön passender –, dass in die Lücke, die durch Goschs Tod in den Salzburger Premierenspielplan gerissen wurde, ein genreübergreifendes Musik-Theater-Projekt gestoßen ist: Sebastian Nüblings Inszenierung von "Judith" – nach der Tragödie von Friedrich Hebbel mit der Musik aus Vivaldis Oratorium "Juditha triumphans" auf den Perner Inseln in Hallein – der "experimentellen" Außenspielstätte des Festivals.
Nach Händels "Theodora" in der Inszenierung von Christof Loy, der gefeierten Eröffnung der Festspiele im Großen Festspielhaus, nun also ein zweites geistliches Werk der Barockzeit im Salzburger Angebot. Es wird nicht ganz dargeboten, sondern als – wenn man so sagen darf – in einzelne Arien aufgesplittertes musikalisches Material, dem Lars Wittershagen mit eigenen kompositorischen Einsprengseln gelegentlich in die Parade fährt: Wenn der vierfache Holofernes zum Beispiel mit bös geblasenen Saxofonen die ausgewogene Harmonie der "Judith"-Klänge übertönt. Dem vom scheidenden Ersten Kapellmeister des Freiburger Theaters Lutz Rademacher zupackend und feinnervig dirigierten Orchesterensemble der Stuttgarter Staatsoper – das Staatstheater ist Koproduzent – wird einiges an Flexibilität abverlangt; die Musiker meistern den Crossover zwischen Klassik und Pop (im weitesten Sinn) bravourös.
Werbung
Das musikalische Umspringen ist symptomatisch für Nüblings Inszenierung, die seine Bühnenbildnerin Muriel Gerstner in einen trostlosen grauschwarzen Holzkasten gesteckt hat – ein Rouleau in der Hinterwand gibt zu Beginn und am Ende immer wieder für Sekunden eine Öffnung frei. Darin erscheinen schön und still und stumm wie Gemälde Genreszenen aus dem Leben der Judith, wie sie Hebbels 19. Jahrhundert sah; zuletzt wird wie in eingefrorenen Filmbildern die Tötung des Holofernes nachgestellt; wobei blutrote Wollfäden wertvolle Hilfestellung leisten.
Der aus Schopfheim stammende Regisseur, der mit seiner ebenfalls Musik und Theater verbindenden hinreißenden Inszenierung "Dido und Aeneas" 2007 zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, spannt einen Bogen von der alttestamentlichen Judit, die von Gott den Auftrag erhält, das Volk der Hebräer vor der Weltherrschaft Nebukadnezars zu retten, bis zu einer Judith der Gegenwart, die in der quirligen Gestalt der Schauspielerin Anne Tismer ziemlich große Töne aus dem Arsenal der Globalisierungsgegner und Kapitalismuskritiker spuckt. Der biblische Wasserentzug, mit dem der Diktator seinerseits die renitenten Juden austrocknen will, führt bei ihr zu einer Tirade gegen die ungerechte Verteilung des kostbaren Rohstoffs auf der Welt: Während der westliche Wohlstandsmensch 50 Liter am Tag verbraucht, versiegen in Afrika die Brunnen . . .
Mit solchen anklägerischen Reden kann man offene Türen einrennen, doch der ästhetische Ertrag bleibt überschaubar. Man hat während der drei Stunden, die nur sehr lose dem Gerüst von Hebbels Fünfakter folgen, seine redliche Mühe damit, einen roten Faden zu finden. Stark anzunehmen ist allerdings, dass das Gewirr, das sich um Holofernes’ abgeschlagenes Haupt windet, programmatisch zu nehmen ist. Denn Nüblings "Judith" kommt als Sammlung heterogener Funde zum skandalösen Motiv der den Mann und Tyrannen mordenden Frau daher. Die biblische Judit, verkörpert von der Mezzosopranistin Tajana Raj, darf sich von höchster Instanz in Auftrag genommen und gerechtfertigt sehen – ein Chor aus vier Sängern deklamiert auf einem Ostinato von Vivaldi eindrucksvoll aus dem Buch Judit.
Hebbels Figur dagegen bewegt sich auf dem glitschigen Feld moralischer Ambivalenz: Ist es am Ende doch nur persönliche Rache an ihrem Verführer und Vergewaltiger, die sie zur Tat treibt? Stephanie Schönfeld, der "mittleren" der drei Judiths, gehört zwar das letzte Wort ("ich muss aufhören, sonst verschwind ich ganz ins Nichts"). Sie bleibt aber in all dem Getümmel auf der Bühne, das sich nach der Pause zu einem wüsten Chaos zwischen Plastikwasserflaschen und der holofernalischen Demonstration gröbster physischer Mannesmacht steigert, seltsam verloren, fast nicht anwesend. Ein Opfer ist sie hier nur, unscheinbar im hochgeschlossenen grünen Kleid, keine Schöne, die durch den Einsatz ihrer Reize und durch kluge Täuschung den Feldherrn um seinen Kopf bringt, eine triumphierende Heldin schon gar nicht.
Manches schöne Bild – der etwas schrille Countertenor Jonas Fürstenau in einem Reifrock, unter dem sich vier ausgewachsene Männer verbergen können (Kostüme ebenfalls Muriel Gerstner) –, mancher originelle Einfall und eine hervorragende musikalische Qualität verdanken sich dieser Inszenierung. Doch die manchmal produktiven Reibungen, die der Regisseur seiner zu ausgedehnten Stoffsammlung zumutet, fügen sich nicht zu einem ästhetisch überzeugenden Ganzen. Am Ende, hat es gar den Eindruck, wirft Sebastian Nübling dem Publikum ziemlich rotzig (oder ratlos?) sein Judithmaterial vor die Füße. Nun macht was draus! Aber was?
Autor: Bettina Schulte
