Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
13. Dezember 2008
Junge Amateure treffen Profis
Das Musikprojekt "Der Schrei" mit dem SWR-Sinfonieorchester
Gestern trafen sie mit ihrer Musik zum ersten Mal alle aufeinander: die Beteiligten des SWR-Musikprojekts "Der Schrei". Erst probte das SWR-Sinfonieorchester auf der Bühne des Baden-Badener Festspielhauses, dann waren dort die Jugendlichen dran. In Workshops arbeiten sie seit einigen Wochen an ihrem Programm.
"Ihr habt Mimik, ihr habt Gestik, ihr habt Stimme", ruft Peter Kleindienst und schaut fordernd in den Kreis der Jugendlichen, die um ihn herum im Freiburger Schlossbergsaal sitzen. Freundlich, aber bestimmt macht der 49-jährige Teamleiter mit der randlosen Brille, die er gerne absetzt, wenn er energisch wird, seine Ansagen. An diesem Tag leitet er einen der Workshops des SWR-Musikprojekts "Der Schrei", ein Vorhaben, das es in dieser Form wohl noch nicht gegeben hat. Die Idee ist, insgesamt 260 musikalisch interessierte Jugendliche aus Lörrach, Freiburg, Offenburg und Karlsruhe mit den Profi-Musikern des SWR-Sinfonieorchesters zusammenzubringen und dabei Neues entstehen zu lassen.Gemeinsam mit den Teamleitern sollen die jungen Musiker in mehreren Gruppen Ideen entwickeln, meist auf improvisatorischer Basis. Doch auch das will geübt sein. "Ihr müsst euch auch trauen", fordert Kleindienst. Die zwölf Jugendlichen – vertreten sind Geigen, Querflöten, Klarinetten, Saxofone, aber auch Gitarre, E-Bass und Schlagzeug – sollen kurze Passagen frei improvisieren, gewissermaßen als musikalischer Kommentar zu einer Reihe von Textfragmenten, die von zweien aus ihrer Runde vorgetragen werden. Werner Englert, neben Dieter E. Neuhaus und SWR-Chefdirigent Sylvain Cambreling einer der Initiatoren der Musikprojekts und für die musikalische Gesamtleitung verantwortlich, macht sich an diesem Tag selbst ein Bild von der Arbeit in der Gruppe. Für ihn ist das Überwinden von Grenzen ein zentraler Gedanke, ihn interessieren besonders die Chancen, die sich beim Aufeinandertreffen von Amateuren und Profis ergeben. "Diese beiden Pole erzeugen Spannung – und dabei können beide Seiten etwas lernen", zeigt sich Englert begeistert. Ziel des Projekts sei es, bei den Jugendlichen Fragen zu provozieren und die "alteingesessene Pädagogik auf den Kopf" zu stellen.
Werbung
"Fandet ihr das gut?", fragt Kleindienst die Jugendlichen selbst nach ihrer Meinung. Genau das ist es, was Englert mit seinem neuen Ansatz meint: Keine frontalen Anweisungen, sondern Entwicklung und Mitgestaltung durch alle Beteiligten. Dementsprechend locker und doch konzentriert ist die Atmosphäre. Rhythmus und Ausdruck sind erstmal wichtiger als Form und Konzeption – der Entstehungsprozess bereits Teil des Ergebnisses, gewinnt man den Eindruck .
Kleindienst teilt mehrere Arbeitsgruppen ein, um zuvor erarbeitete Melodien üben zu lassen. Ein Mädchen an der Querflöte beschwert sich vorsichtig: "Klingt irgendwie schräg". "Das ist Absicht", sagt Kleindienst und lächelt. Was nun entsteht, ist ein etwas schrulliger Swing in Endlosschleife, weder strikt tonal noch atonal, und langsam nimmt das Ganze Formen an. "Wunderbar", ruft Kleindienst. Doch damit das Spielen weniger zaghaft abläuft, greift er in die psychologische Trickkiste. Die Gruppe soll vor Beginn des Stücks zu ihren Instrumenten laufen. Und tatsächlich klingt danach alles etwas kraftvoller. Schließlich sollen trotz aller Freiheiten Bestleistungen erbracht werden, wenn die Nachwuchsmusiker aus allen Musikteams ab März mit dem Orchester zusammenarbeiten. Am Ende des Projekts stehen fünf Auftritte im Juni und Juli. http://www.der-schrei.com
Autor: Johannes Koch
