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17. September 2009
Kaffee und Karin
Beste deutschsprachige Musikkunst: Die neuen CDs von Element of Crime und Jochen Distelmeyer
Sie sind die beiden sprachmächtigsten unter den deutschsprachigen Sängern. Sie sind zwei Charakterköpfe in der deutschen Musikszene. Sie sprechen ihren Hörern aus Herz und Hirn. Sie haben beide neue Platten gemacht: Am Freitag kommt "Immer da, wo du bist, bin ich nie" von Sven Regener mit seiner Band Element of Crime, eine Woche darauf erscheint "Heavy", die erste Soloplatte von Jochen Distelmeyer ohne seine Band Blumfeld. Es sind die deutschsprachigen Alben des Herbstes und des Jahres.
Regener (geboren 1961 in Bremen, lebend in Berlin) und Distelmeyer (geboren 1967 in Bielefeld, lebend in Hamburg) gehören beide der Generation an, die von der künstlerischen Revolte des Punk und des Postpunk geprägt wurde. Ihre Musik ist weder der ältere Mainstream-Rock noch der jüngere Mainstream-Pop. Weder Udo Lindenberg noch Stefanie Kloß (von Silbermond) würden auch Zeilen dichten und singen wie diese: "Kaffee und Karin / Birgit und Bier / Jammern und Picheln im Gartencafé / Worte und Weißwein / Torte und Tier / und nur wenn ich lachen muss, tut es noch weh."
So singt Sven Regener in "Kaffee und Karin", einem der schönsten Songs auf der neuen CD von Element of Crime. Ein echter Regener. "Unruhige Bilder schaffen, Dinge gegeneinanderstellen", sagt er im Gespräch – in dem er seine Sätze rollen lässt wie seine Verse – über seine Art zu texten. Seit 1991, seit der ersten deutschsprachigen Platte von Element of Crime (nach vieren auf Englisch), macht er das so. Und oft sind seine unruhigen Bilder mit Melancholie verbunden, oft auch mit Komik. Wie das Leben so ist.
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Nicht dass seine Lieder autobiographisch wären: "Man kann nicht sagen, dass die Songtexte einen Rückschluss auf mein Leben zulassen. Ich nehme die Sachen einfach so wie sie kommen und zwar wahllos, auch ungeplant, und eben sowohl aus ferner Erinnerung und weiter Vergangenheit wie aus dem Heutigen. Wie jemand, der etwas zusammenlötet aus Schrott." Womit der Sänger, der ja auch erfolgreicher Romanautor ist, bei einer Figur aus "Der kleine Bruder" wäre, dem dritten Teil seiner "Herr Lehmann"-Trilogie. Darin gibt es einen Künstler, der aus Schrott Skulpturen macht.
Jochen Distelmeyer ist da anders: "Ich bin das Ich da drin", sagt er im Gespräch – in dem er immer wieder zögert und nachdenkt, ehe er antwortet – über seine Lieder. "Hell und silbern fällt der Regen auf die Straßen / kommt zu mir wie ein alter Freund / Ich geh durch die Straßen ohne Gott und ohne Geld / und gestern Nacht hab ich von dir geträumt", so beginnt mit dem Lied "Regen" seine CD "Heavy".
Für seine Texte, in denen ein oft einsames Ich über die Liebe, aber auch den Hass singt, schätzt Distelmeyer ein erst linksstudentisches, dann breiter werdendes Publikum seit der ersten Blumfeld-Platte "Ich-Maschine" von 1992. Von der Band hat er sich jetzt getrennt, um das Solistendasein auch künstlerisch zu leben.
Er ist ein Romantiker, zu Tode betrübt, wenn er an der Welt leidet (es muss nicht mehr der Kapitalismus im Speziellen sein, wie auf früheren Alben), himmelhoch jauchzend, wenn er über die Liebe singt: "Ich war zu lang allein und hab’ darüber nachgedacht / woher die Trauer kam und was uns wieder glücklich macht / So ging ich über Berg und Tal / komm’ und träum den Traum nochmal / komm’ um dir zu sagen: Lass uns Liebe sein".
Und wenn man Sven Regener fragt, worauf sich Element of Crime beziehen? Dann nennt er Bo Diddley und Ray Charles, aber auch Kurt Weill – seine Verehrer, Rockfans wie Theatergänger, wissen es. Wobei Letzterer auf der neuen CD weniger durchscheint, die alte amerikanische Musik umso mehr: Das Titellied "Immer da, wo du bist, bin ich nicht" hat den rollenden Zugrhythmus vieler US-Songs, "Bitte bleib bei mir" ist eine Folk-Ballade. Am Ende der Platte spielen Element of Crime eine Coverversion eines achtzig Jahre alten Country-Songs: "Storms Are on the Ocean" von der Carter Family.
Wie bei Distelmeyer geht bei Regener die Musik eine Symbiose mit seiner Stimme ein, dieser grummelnden, etwas schwerfälligen Stimme, mit der er seine Geschichten singt. Auch ihn, der ja auch manchen Element-Song mit seinem Trompetenspiel veredelt, muss man sich als Musiker vorstellen. Der Walzer war erst da, ehe der Text kam: "Man trägt die Melodie mit sich herum, die hat man gemacht", erzählt Regener. "Und es ist, wie wenn man eine Angel in den See wirft und irgendwann beißt was an: ,Kaffee und Karin‘. Kaffee und Karin? Irgendwie stark." Stimmt.
– Element of Crime: Immer da, wo du bist, bin ich nie (Vertigo/Universal), erscheint am 18. September; Jochen Distelmeyer: Heavy (Columbia/Sony), erscheint am 25. September.
Autor: Thomas Steiner


