Thaddäus-Troll-Preis

Kai Wieland erschafft in "Amerika" präzise Bilder tiefster Provinz

Andreas Kohm

Von Andreas Kohm

Mo, 10. Dezember 2018 um 19:19 Uhr

Literatur & Vorträge

Gelungenes Debüt: Kai Wieland erhält den Thaddäus-Troll-Preis für seinen Roman "Amerika" über eine Dorfgemeinschaft im schwäbischen Hinterland.

Wie gerät einer da hinein, in das imaginierte, fast ausgestorbene Dorf Rillingsbach im schwäbischen Outback, "fernab der Zivilisation", wohin den Ortsfremden allenfalls "ein melancholisches Verlangen nach Einsamkeit (…) verschlagen könnte"? Es ist das Hörensagen, aus dem der Antrieb des namenlos bleibenden "Chronisten", jenen "blinden Fleck (zu) kartografieren", rührt. Und es ist ihm eine Herzensangelegenheit – vielleicht um eine von heute auf morgen immer im Untergang begriffene Welt zumindest für kurze Zeit festzuhalten und in Form einer geordneten "Chronik" erstehen zu lassen.

Der für seinen Debütroman "Amerika" mit dem Thaddäus-Troll-Preis ausgezeichnete Kai Wieland (geboren 1989), den er am Dienstag in Stuttgart entgegennimmt, kennt zwar das Credo eines jeden Chronisten: Wer schreibt, der bleibt. Kein einfaches Unterfangen jedoch bei einem so hochflüchtigen Medium wie der Zeit, bei einem so bedeutungslabilen Instrumentarium wie der Sprache, bei so einer Gemengelage der Wahrnehmungen, Interessen, Eitel- und Verletzlichkeiten, wie er sie hier vorfindet. Aber zumindest für die Dauer der Bestandsaufnahme ist sein Chronist Zuhörer jener "munter flirrenden Stimmen im Gastraum". Einer, der die Risiken des eigenen Tuns mit entschiedenem Ernst und einer ordentlichen Prise distanzierter Ironie reflektiert und genau hinhört auf die Zwischentöne, das Ausgesparte, das Schweigen auch.

Chronist trifft seine "sympathischen" Informanten Frieder, Martha, Alfred in der heruntergekommenen Dorfkneipe, die für "die Alten" letzter Rückzugsort in einer Welt geworden zu sein scheint, die immer schon jenseits ihrer Horizonte ihren Lauf nahm und sich nie um sie kümmerte. Selten nur gab es Berührungspunkte mit der großen Geschichte, und so sind es die Geschichten, die man erzählt – hinter vorgehaltener Hand oder lauthals mit schonungsloser Offenheit direkt ins Gesicht – mit denen man sich seiner Existenz zu versichern sucht. Nicht zuletzt um Abgrenzung und Selbstbehauptung bemüht, ist es manchmal die einzige Form von Würde, die mit Rückblick auf ein Leben als Gezeichnete noch bleibt.

Das Erlebte und die Erinnerungen schweißen zu einer dörflichen Schicksalsgemeinschaft zusammen, aus der es kaum ein Entrinnen gibt. Sie umkreisen die schwarzen Löcher des Vergessens und versuchen blitzlichtartig zu erhellen, was dort verborgen liegt, allem voran die seelenverheerende Gewalt des Krieges und des Nationalsozialismus, die noch in die Folgegenerationen hineinwirkt und nur Überlebenspositionen im Zwielicht von Resignation und allgegenwärtigem Niedergang bietet. "Und das Finstere bleibt finster, anscheinend für immer."

Vielleicht deshalb ist die Gegenwart nur aushaltbar in einem fein austarierten Gefüge aus Tatsachen, Mutmaßungen, Sehnsüchten und Lügen, das im täglichen Gespräch nachjustiert wird – und manchmal sogar neu vermessen. Der ungeklärte Tod eines Kriegsheimkehrers; Ernest Hemingway (oder "Ernst Heimweg"?) als literarischer Hoffnungsschimmer; Entnazifizierung und die Permanenz verinnerlichter Machtstrukturen; Nachkriegsgewinnler; die bigott verzweifelte Mutter und die leichtlebigen Fluchten der Tochter; Kinder im Schatten ihrer Eltern, körperliche Gewalt und flüchtige Momente des Glücks – tempi passati.

In einer kammerspielartig verdichteten Situation lässt Wieland seine "Protagonisten" in zwölf Kapiteln zwischen "Ankunft" und "Abschied" zu Wort kommen mit ihren je eigenen Versionen der Wahrheit. Hin und wieder scheint in den Geschichten die Freiheit zu einem selbstbestimmten Leben auf – und sei es als verpasste oder ausgeschlagene Gelegenheit. Und umso heller erstrahlt da Alfreds legendäre Reise nach Amerika, ins Traumland der unbegrenzten Möglichkeiten, wo nicht weniger gelebt und gestorben wird als im nebligen Schwaben.

Die Freiheit des Tun und Lassens ist der utopische, menschenfreundliche Horizont dieses zunächst spröden, dann von stiller Heiterkeit und skurrilem Witz getragenen Heimat-Romans mit seinem virtuosen Ineinander der Zeiten, Räume, Perspektiven. Präzise überzeichnete Bilder tiefster Provinz in spätherbstlich gedecktem Lokalkolorit: "Letztlich sind Erinnerungen, genau wie das Wetter, stets wechselhaft."

Kai Wieland: Amerika. Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 2018. 240 Seiten, 20 Euro.