"Kein Wasser kühlt der Liebe Glut"

ros

Von ros

Di, 15. Dezember 2009

Klassik

Das Carols-Konzert des Motettenchors Lörrach brachte weihnachtliche Chormusik aus England in die St. Bonifatiuskirche

Wie der böse zum freundlichen Riesen wird und ins Paradies eingeht: Solche Geschichten einer wundersamen Wandlung hört man nur allzu gern in der Adventszeit, besonders wenn sie so zu Herzen gehen wie dieses Kunstmärchen von Oscar Wilde, das bei den "Stimmen im Advent" rezitiert wurde. Es muss also nicht immer Dickens sein, wenn es um englische Literatur zur Weihnachtszeit geht.

Eingebunden war dieses Märchen in das Carols-Konzert des Motettenchors Lörrach, das in der voll besetzten St. Bonifatiuskirche dem Publikum weihnachtliche Chormusik aus England nahe brachte. Wie immer waren in der Konzeption von Marion Schmidt-Kumke die Gesänge und Geschichten stimmig ausgewählt. Das begann mit Motetten englischer Komponisten der Renaissancezeit wie Peter Philips und William Byrd und einem feierlichen "Gloria" von Thomas Weelkes, die der Motettenchor unter Leitung von Stephan Böllhoff wunderbar beseelt, mit schöner Durchzeichnung der Stimmen und homogenem Chorklang sang. Diese geistlichen Gesänge des 16. und 17. Jahrhunderts wurden umrahmt von Sonetten von Shakespeare, mit sonorer Stimme gelesen von dem Schauspieler und Regisseur Eberhard Busch. Als Theatermann ließ er die Worte eindringlich im Raum wirken: "Liebe wärmt die Flut, kein Wasser aber kühlt der Liebe Glut".

Zu einem barocken Voluntary, gespielt von Florian Naab auf der Orgel, wandelten die Chorsängerinnen und -sänger vom Altarraum durch das Kirchenschiff gen Empore. Von dort erklangen teils mit Orgelbegleitung traditionelle Carols wie "God rest you merry" oder ein frühes Lied über den König Wenzeslaus, der an Weihnachten den Armen hilft. Auch eine von dem Sinfoniker Ralph Vaughan Williams arrangierte Melodie "O little town of Bethlehem" und vor allem John Rutters sehr zart und fließend gesungenes "What sweeter music" verbreiteten jenen unvergleichlichen Zauber und pastorale Stimmung, die man mit Weihnachten verbindet: "Wie könnten wir eine lieblichere Musik darbringen als ein Weihnachtslied".

Diese Stimmung griff Sprecher Eberhard Busch in seiner Lesung von Wildes Kunstmärchen "Der selbstsüchtige Riese" auf. Man sah ihn vor sich, den tobenden Koloss, der die Kinder aus seinem Garten vertreibt und eine Mauer errichtet. Fortan herrscht Winter, Frost, Schnee, Hagel und eisiger Wind in diesem blühenden Reich, bis der Riese Herz und Einsehen zeigt und der Frühling und die Kinder zurückkommen. Eine Christbotschaft versteckt sich in diesem Märchen, das ähnlich wie die Carols verborgene Saiten im Zuhörer zum Schwingen bringt. Zu einem von Organist Naab stimmungsvoll gespielten "Folk Tune" kommt der Chor wieder von der Empore herab, schreitet singend zum Altarraum. Im letzten Programmblock hört man einen romantischen Choral von Gustav Holst, außerdem ein Lied über die eisige Winternacht und die Krippe Jesu. Sei es in einem frühen pastoralen Kirchenlied über die Hirten oder in einem Schlaflied der Mütter von Bethlehem: Die Weihnachtsgeschichte dringt in vielen Facetten in dieser englischen Chormusik durch, die der Motettenchor sich einfühlsam angeeignet hat und mit viel Wärme, ausgezeichneter Diktion und stimmlich hervorragender Chorkultur erfüllt, ganz kontemplativ, ruhig und besinnlich, dann wieder in jubilierender stimmprächtiger Festlichkeit und Glanz. Große Begeisterung und in den Zugaben sprang der freudige weihnachtliche Funke noch mal so richtig auf die Zuhörer über.