Der Junge mit den Zauberaugen

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Di, 24. März 2009

Kino

Neu im Kino: Cornelia Thau porträtiert in ihrer Doku "Vier Leben" Menschen mit Down-Syndrom

Antje Webers Finger greifen ineinander, übereinander, sie reibt die Handflächen gegeneinander. Nur an diesen Gesten ist abzulesen, dass in Anicas Mutter Gefühle aufsteigen, wenn sie von der Zeit nach der Geburt ihrer Tochter erzählt. "Ich habe gesagt: Versprecht mir, dass ich sie nicht mit nach Hause nehmen muss." Diese Offenheit vor der Kamera erstaunt den Kinozuschauer. Welch ein Vertrauen müssen Regisseurin Cornelia Thau und ihr Filmteam zu den Eltern der Kinder mit Down-Syndrom aufgebaut haben, dass sie bereitwillig diese Erfahrungen teilen. "Vier Leben" heißt die Dokumentation, für die Thau vier Jahre lang bei vier Familien recherchierte. Antje Weber erzählt weiter. Wie sie und Ehemann Andreas ihre Tochter schließlich doch mit nach Hause genommen haben. Wie sie Anica "gut versorgten". Aber auch, wann sich das Wunder ereignete: "Eines Tages habe ich sie gewickelt und ihr einen Kuss gegeben. Da ist in meinem Herzen was passiert, da war sie da – und von da an hat sie auch zugenommen." Man möchte zugleich weinen und lachen, es ist, als ob man selber neben diesen Eltern am Esstisch und nicht im Kinosessel sitzt. Man taucht sofort ein in diesen Familienalltag, der mit so vielen Ängsten begann, der aus so viel Kämpfen bestand, und der sich dann doch zum Guten wendete. Nicht nur bei Anica, die 1994 zur Welt kam, heute in einer integrativen Schule lernt und mit ihren Mitschülern für die Aufführung eines Tanzstückes übt. Die einem anderen Kind fürsorglich das eine Ende einer Bratwurst in eine Servierte wickelt, sich dann selbst bedient und selbstbewusst und fröhlich in die Kamera grinst. Auch Jörg (geboren 1969), Carina (1985) und Finnian (2002) lernt der Zuschauer kennen und mögen. Finnian vor allem erobert die Herzen im Sturm. Der Blondschopf mit den "Zauberaugen", wie sein Therapeut sagt, lernt wie jedes andere Kind durch Nachmachen. Seine Entwicklung geht langsamer vonstatten als bei anderen Kindern, aber daran denkt man nicht, wenn man ihn verzückt ein Bilderbuch vorlesen hört oder begeistert eine Rutschbahn hinab- und wieder hinaufklettern sieht.

Cornelia Thau zeigt in ihrem empathischen Film, was Menschen mit Down-Syndrom können – nicht, was sie nicht können. Die Regisseurin, die hier nicht zum ersten Mal mit Behinderten arbeitete, kommentiert die Szenen nicht, aber ihre Haltung ist eindeutig: Hier sind Menschen mit schlechteren Startchancen als andere, aber dank der Hilfe ihrer Familien und ihrer Lehrer und dank ihrer eigenen Persönlichkeit leben sie ein fröhliches und erfülltes Leben. Es ist berührend, erhellend und lustig diesen vier beim Leben zuzuschauen. Entsprechend begeistert waren auch die Zuschauer bei der sehr gut besuchten Freiburg Premiere in der Sonntags-Matinee im Kino Friedrichsbau, der sich eine Diskussion anschloss.
– Nächste Vorstellung im Kino Friedrichsbau: Sonntag, 29. März, 11.20 Uhr.