Ein Vater, der anders ist

Charlotte Janz

Von Charlotte Janz

Fr, 07. September 2018

Kino

NEU IM KINO: "Menashe" von Joshua Z. Weinstein gibt Einblick ins orthodoxe Judentum Brooklyns.

"Menashe" ist nicht nur deshalb ein erstaunlicher Film, weil es ihn eigentlich nicht geben dürfte. In seinem Spielfilmdebüt beleuchtet Regisseur Joshua Z. Weinstein die Gemeinschaft der ultraorthodoxen Juden in Brooklyn. Weltliche Vergnügen wie Kino oder Fernsehen sind ihnen untersagt – vom Mitwirken in einem Film ganz zu schweigen. Dennoch hat Weinstein es geschafft, seinen Film ausschließlich mit Laiendarstellern aus eben dieser verschlossenen Welt mitten in New York zu besetzen. Er basiert auf den Erfahrungen seines Protagonisten.

Der Supermarktkassierer Menashe (Menashe Lustig) ist anders als die meisten chassidischen Juden in Borough Park. Seine Schläfenlocken zwirbelt er hinterm Ohr zusammen, so dass sie kaum zu sehen sind. Anstelle des schwarzen Mantels und hohen Hutes trägt er eine einfache Kippa. Der gutmütige Dicke ist ein gläubiger Mann. Mit den strikten Geboten seiner Gemeinde hadert er aber. Vor allem, wenn es darum geht, seinen elfjährigen Sohn Rieven (Ruben Niborski) großzuziehen. Das darf der Witwer laut Rabbi nur, wenn er wieder heiratet. Bis dahin soll der Junge in einem "normalen jüdischen Haushalt mit zwei Eltern" wohnen. Um seinen Sohn vom strengen Schwager zurückzubekommen, geht Menashe lustlos auf vom Heiratsvermittler eingefädelte Dates. Im Lauf des Films erfahren wir, dass bereits seine erste Ehe arrangiert und unglücklich war.

Ein weniger mutiger Filmemacher hätte Menashe zumindest gen Ende als Mustervater gezeichnet. Aber anders als Dustin Hofmann in "Kramer gegen Kramer" bleibt Menashe ein chaotischer Pechvogel, der verschläft und seinem Sohn Cola zum Frühstück serviert. Vielleicht haben Rabbi und Schwager sogar recht, wenn auch aus den falschen Beweggründen.

"Menashe" ist ein zarter Film, der sich ein Urteil über die Subkultur in Brooklyn verbittet. Und doch sprechen flüchtige Szenen bisweilen Bände. Im Vorübergehen streiten eine Mutter und ihre Tochter: "Du hast den Rabbi gehört", sagt die Mutter. "Er wird mich nicht daran hindern, aufs College zu gehen", sagt die Tochter. In einer anderen Szene echauffiert sich eine heiratswillige Witwe bei Menashe über einen modernen Rabbi, der die Frauen Autofahren lasse. Die Frauen sind in dieser Gesellschaft dazu da, Nachwuchs zu produzieren und das Heim zu hüten. Oder wie der Rabbi es Menashe zu erklären versucht: "Drei Dinge bringen dem Menschen Frieden: eine schöne Frau, ein schönes Zuhause, ein schönes Essen."

Menashe ist kein Rebell, aber zwischen Tradition und gesellschaftlicher Konformität kämpft er für seine Freiheit, um seinen Sohn und die Anerkennung der Glaubensgenossen. Menashe Lustig spielt sich selbst sehr überzeugend. Und Ruben Niborskis ausdrucksstarkes Gesicht spiegelt wunderbar den inneren Kampf des Sohnes zwischen der Liebe zum Vater und der Scham über dessen unkonventionelles Verhalten. Dass Rieven sich mit Jonglieren die Zeit vertreibt, ist kein Zufall.

Weinstein hat den Film komplett auf Jiddisch gedreht und mit Untertiteln versehen. Die einzigen, die Englisch sprechen, sind zwei Latinos, mit denen Menashe im koscheren Supermarkt zusammenarbeitet – ein netter kleiner Seitenhieb auf Trump und seine Mauer. Weinstein schafft mit "Menashe" einen schwierigen Spagat: Einerseits ist der Film die faszinierende Studie einer anderen Kultur. Andererseits ist er eine universelle Geschichte über einen Vater und seinen Sohn – leise und berührend erzählt.

"Menashe" (Regie: Joshua Z. Weinstein) läuft in Freiburg im Friedrichsbau. Ab 6.