Kino-Drama

"Glücklich wie Lazzaro" mixt Sozialkritik mit Märchenmomenten

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Mi, 12. September 2018 um 19:30 Uhr

Kino

Regisseurin Alice Rohrwacher erzählt in ihrem dritten Langfilm "Glücklich wie Lazzaro" von teuflischer Ausbeutung und menschenverachtenden Strukturen.

Ziemlich am Ende kommt die schönste Szene dieses an magischen Momenten so reichen Films: Lazzaro (Adriano Tardiolo) betritt mit den Seinen ehrfurchtsvoll eine Kirche, die Orgel spielt, ein paar Nonnen sitzen da, eigentlich könnte sich niemand gestört fühlen; und doch weisen die Betschwestern den Besuchern unmissverständlich die Tür. Dabei sind die besser gekleidet denn je, sogar die Haare haben sie gekämmt, sie wollten einer Einladung zum Mittagessen folgen. Aber dort hat man sie ebenso abgewiesen wie hier. Das Häuflein macht wieder kehrt, Lazzaro schickt noch einen Blick durch den Kirchenraum, verwundert, aber ohne Groll, der sowieso nicht seine Art ist. Da verstummt die Musik, vergeblich bearbeitet der Organist die Tasten.

Erst draußen vor der Tür sind die Töne wieder da, schweben oben im Haus Gottes, das so viel größer ist als der steinerne Bau, und begleiten Lazzaro aus der Höhe, als wollten sie wie die himmlische Stimme im Evangelium sagen: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe. Ein Liebling Gottes, ein auserwählter Knecht, das scheint der großäugige Lockenkopf mit dem demütigen Gesichtsausdruck in der Tat zu sein. Was aber nicht heißt, "Glücklich wie Lazzaro" wäre ein Heiligenfilm.

Die 1982 geborene italienische Regisseurin Alice Rohrwacher erzählt in ihrem dritten Langfilm, dessen Drehbuch in Cannes ausgezeichnet wurde, von teuflischer Ausbeutung und menschenverachtenden Strukturen. Der erste Teil des Dramas spielt auf einem abgeschiedenen Landgut im italienischen Nirgendwo. Hier herrscht die Marquesa de Luna (Nicoletta Braschi), Zigarettenkönigin wird sie genannt oder auch Giftschlange, je nachdem, wer gerade zuhört. Die Leibeigenschaft ist zwar längst abgeschafft, aber ihre ungebildeten Arbeiter wissen noch nichts davon. Sie versklavt sie als Tabakbauern, und wenn der schmierige Verwalter die Ernte abholt, zieht er vom Preis derart hohe Lebenshaltungskosten ab, dass der Schuldenberg der traurigen Schlucker am Ende noch einmal gewachsen ist. Rohrwacher wurde zu ihrem Film von einem realen Fall inspiriert: Das gesetzliche Verbot der Leibeigenschaft, das in Italien unglaublicherweise sowieso erst 1982 kam, kümmert manche Landbesitzer immer noch herzlich wenig...

Sklavenhalter und andere Ausbeuter

Am unteren Ende der Ausbeutungskette steht Lazzaro, der von allen benutzt wird, zu Hol- und Bringdiensten von der Kiste bis zur Großmutter – und sich nie beschwert. Ein Dorfdepp, könnte man meinen, wären da nicht diese wache Humanität, dieses nach innen gekehrte Lächeln, dieses stille Leuchten, die Adriano Tardiolo, Jahrgang 1998, in seinem Kinodebüt ausstrahlt. Das gelingt dem jungen Italiener so wunderbar und berührend, als wäre er bei Pasolini (an den der Film ohnehin mehr als einmal erinnert) in die Schauspielschule gegangen.

Lazzaro ist einfach ein guter Mensch, demütig, selbstlos und das Gegenteil der Marquesa, weshalb deren Sohn Tancredi (Luca Chikovani) auch sein Freund sein will, eine ganz neue Erfahrung für Lazzaro. Um der gierigen Mutter zu schaden, täuscht der Sohn seine Entführung vor – und bald ist nichts mehr, wie es war: Die Polizei tritt auf den Plan, die Zustände auf dem Landgut werden offenbar und die Arbeiter weggebracht, aber wo ist Lazzaro?

In der zweiten Hälfte des Films taucht er wieder auf und sieht aus wie immer, während die Tabakbauern um Jahre gealtert sind. Ansonsten ist wieder alles beim alten, nur halt jetzt in der Stadt. Aus den rechtlosen Landarbeitern sind mittellose Tagelöhner geworden, die am Stadtrand in einem alten Silo hausen und sich als Kleinkriminelle über Wasser halten, wenn sie ihre Arbeitskraft nicht auf dem kapitalistischen Markt geringstbietend versteigern wollen: Den Job bekommt am Ende der, der ihn für einen Euro macht – der Startpreis lag bei vier.

Das ist ein bitterer sozialkritischer Befund. Alice Rohrwacher schreibt die große italienische Tradition des Neorealismus eines Da Sica und Rossellini und des magischen Realismus eines Fellini in die Gegenwart fort und inszeniert ein betörendes Drama, das zugleich aktuell und zeitlos ist. Mit sinnlichen, körnigen Bildern (Kamera: Hélène Louvart, "Pina") im altmodischen Super-16-Format, mit hinreißenden Tableaus und durchkomponierten Totalen, mit magischen, poetischen und märchenhaften Momenten.

Wobei das Märchen nicht Kinderkram ist, sondern Ausdruck einer größeren Hoffnung. Wie das Heilige sowieso. Und so lässt Lazzaro seine Leute nicht allein in unheiliger Zeit und gehört wie der biblische Lazarus nach Filmende ins Leben zurückgeholt. Zumindest sein Credo, das er so still verkündet: Das Gute sollte einem nicht zu blöd sein.

"Glücklich wie Lazzaro" (Regie: Alice Rohrwacher) läuft in Freiburg. (Ab 12)