Neu im Kino

Was der Dichter wollte: "Mackie Messer. Brechts 3Groschenfilm"

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 10. September 2018 um 19:30 Uhr

Kino

Ein intellektueller wie sinnlicher Genuss: Joachim A. Langs Film "Mackie Messer. Brechts 3Groschenfilm" erzählt die Geschichte um die "Dreigroschenoper".

Der Film setzt ein mit dem Tag vor der Berliner Uraufführung. Das Ensemble zeigt nicht nur Ermüdungs-, sondern auch Auflösungserscheinungen. Niemand scheint an Bertolt Brechts und Kurt Weills "Dreigroschenoper" zu glauben – außer dem Autor selbst, der das Probenchaos um ihn herum mit stoischer Gelassenheit und der obligaten Zigarre im Mund konterkariert. Diese Haltung wird Lars Eidinger 120 Minuten lang beibehalten. Bert Brecht, von seinen Getreuen liebevoll Bibi genannt, lässt sich in seiner Mission, Kunst zu machen, von der man auch 1000 Jahre später noch spricht, nicht um ein Jota beirren. Doch zunächst geht es um den 31. August 1928: Und man sieht, Minuten später, das Publikum im Theater am Schiffbauerdamm johlen und toben. Ein Welterfolg war geboren.

So viel – so wenig – erzählt Joachim A. Langs Film "Mackie Messer. Brechts 3Groschenfilm" von dem Musiktheaterstück, das nach Brechts Willen auch die bürgerliche Oper revolutionieren sollte. Ihm geht es um die Verfilmung der "Dreigroschenoper", zu der Brecht das Drehbuch schreiben sollte. Der Film kam tatsächlich 1931 in die Kinos – aber ohne die Einwilligung und ohne die Beteiligung des Dichters, der das Massenmedium dazu nutzen wollte, die Gesellschaftskritik in seinem Stück zu verschärfen. Es kam zu einer von Brecht selbst ausgelösten gerichtlichen Auseinandersetzung um die Filmrechte, die mit einer Niederlage des Schriftstellers und einem Vergleich endete.

Dass Brecht den Prozess – er nannte ihn ein "soziologisches Experiment" – inszenierte, um sich in seiner Kapitalismuskritik bestätigt zu finden, hat Lang zum Anlass genommen, die Gerichtsverhandlung ins Theater zu verlegen: ein brillanter Schachzug, der die verschiedenen Ebenen seines Films szenisch engführt – auf den nichts so zutrifft wie das Prädikat "höchst ambitioniert". Das vom SWR initiierte und mit produzierte Leinwandwerk stellt seine Zuschauer mithin vor gewisse Herausforderungen: Wenn man es mit einer TV-Produktion zu tun hätte, müsste man von Qualitätsfernsehen sprechen. Indem er die Umstände der "Dreigroschenoper"-Verfilmung aufrollt, inszeniert Lang den Film, den Brecht sich womöglich vorgestellt hat. Schwarz-Weiß- und Farbaufnahmen gehen bruchlos ineinander über, ergänzt durch dokumentarisches Material: Es zeigt den Aufstieg der NSDAP Ende der 20er Jahre parallel zum Erfolg der "Dreigroschenoper" – und es endet mit der Bücherverbrennung, während Brecht im Zug ins Exil sitzt.

Man muss bereit sein, den Sprung zwischen den Ebenen lustvoll mitzuvollziehen – frei nach Brechts eigener antiillusionistischer Verfremdungsmaxime, die verhindern soll, dass sich der Zuschauer mit dem Geschehen auf der Bühne identifiziert. Er soll nicht romantisch mitfühlen, sondern mitdenken. Wenn Polly und Macheath auf der Themse rudern und sich ihrer Liebe versichern, soll nach Brechts Willen nicht nur ein Mond über Soho aufgehen, sondern zwei – was man im Film auch sieht. Der Produzent ist natürlich entsetzt: Ein solcher Einfall würde das schmachtende Publikum gnadenlos vor den Kopf stoßen. Ein solches Publikum, kontert der Dramatiker, könne er nicht gebrauchen. "Die Zuschauer sollen sehen, nicht glotzen."

Ein Film, der ausschließlich mit Originalzitaten arbeitet

Einer der größten Pluspunkte dieses fabelhaften Films besteht darin, dass er ausschließlich mit Originalzitaten arbeitet. Alles, was der grandiose Lars Eidinger mit blasierter Ungerührtheit in einer auf Kühlschrankniveau heruntergedimmten Stimmlage zum Besten gibt, stammt vom großen BB mit seinem übergroßen Ego. Die geistige Schärfe seiner Argumentation kann geradezu entzücken; wenn er etwa bei der Generalabrechnung mit dem von ihm gehassten Thomas Mann dessen parfümierte Prosa mit jemandem vergleicht, der mit einem Pariser onaniert. Das ist wahrlich nicht schlecht gesagt. Und auch der Vergleich des Verhältnisses von Philosophie und Wirklichkeitsbetrachtung mit Onanie und Geschlechtsverkehr hat es in sich. Brecht war sprichwörtlich unverschämt: Der Film nimmt da kein Blatt vor den Mund. Gut so. Heldenverklärung wäre bei jemandem wie ihm absolut kontraindiziert.

Und die anderen, die Brechts Figuren verkörpern, stehen dem Meister der kaltschnäuzig pointierten Formulierung kaum nach. Lang ist es gelungen, schauspielerische Topkräfte zu verpflichten: Tobias Moretti ist als Macheath ein melancholischer Verbrecherdandy nobelsten Zuschnitts, der seine blassblaue Seidenfliege über dem perfekten Dreiteiler mit unglaublich nonchalanter Eleganz trägt. Überragend agiert Joachim Król in der Rolle des Bettlerkönigs Peachum, eines knallharten Unternehmers, der Kapital aus der Inszenierung des mitmenschlichen Mitleids schlägt. Sein Zynismus kommt auf sehr leisen Sohlen daher und ist damit umso wirkungsvoller: ein großer Auftritt für das schauspielerische Understatement. Ihm zur Seite steht Claudia Michelsen als verhärmte, aber nicht minder eiskalte Ehefrau. Hannah Herzsprung zeigt in der Doppelrolle als Polly und Carola Neher eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit. Nicht zu vergessen: Peri Baumeister, die Brechts kluge Muse und Geliebte Elisabeth Baumann gibt, und ein grandioser Christian Redl als weinerlicher Polizeichef Tiger Brown.

Ihrer aller luzides, intelligentes Spiel macht den Film zum intellektuellen wie sinnlichen Genuss. Für diesen sorgen allerdings vor allem anderen die unsterblichen Songs von Kurt Weill (Robert Stadlober gibt ihn als freundlichen Naivling). Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank: Den berühmtesten aller Brecht-Sätze lässt der Film Macheath unter dem Galgen sagen. Und er zeigt am Ende die wundersame Wandlung einer Räuberbande in eine Horde von Bankern. Was aber wäre die "Dreigroschenoper" ohne die – vom SWR-Symphonieorchester und der SWR Big Band unter HK Gruber gespielte – Musik? Nicht sehr viel.

"Mackie Messer. Brechts 3Groschenfilm" (Regie: Joachim A. Lang) kommt am Donnerstag in die Kinos.