Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

20. Oktober 2012

Klassik trifft auf Brasilianisches

Das Trio Bossarenova erprobt sein neues Repertoire auf der Bühne des Freiburger Jazzhauses .

  1. Ihre Stimme gleitet elegant durch komplexe Passagen: Paula Morelenbaum vom Bossarenova Trio Foto: Wolfgang Grabherr

Populäre brasilianische Musik und klassische Klänge aus Europa stehen sich näher, als man vielleicht vermutet. Der große brasilianische Komponist Heitor Villa-Lobos stand in intensivem Austausch mit der Szene des Samba-Vorläufers Choro, in dem sich Anleihen an Bach und Zeitgenossen finden. Bossa-Vater Antônio Carlos Jobim war nicht nur erklärter Debussy- und Chopin-Fan, sondern erwarb sein musikalisches Rüstzeug auch beim deutschen – aus Freiburg stammenden – Komponisten Hans-Joachim Koellreutter.

Wenn also der Freiburger Jazzprofessor Ralf Schmid mit seinem Trio Bossarenova Rios Klangkultur mit Europäischem von Romantik bis Barock verbandelt, bieten sich ihm viele Andockstationen. Binnen zehn Monaten haben er, die brasilianische Sängerin Paula Morelenbaum und der Trompeter Joo Kraus nach ihrem grandiosen Konzert im Freiburger Jazzhaus Ende 2011 bereits ein neues Programm erarbeitet. Das wurde nun auf der selben Bühne erprobt, nächste Woche werden CD-Aufnahmen gemacht.

Man merkt den Musikern zunächst an, dass sie ein work in progress präsentieren. Doch in dem Maße, in dem sie mit der "Probensituation" locker kokettieren, stellt sich wieder die Magie ein, die im vergangenen Winter spürbar war. Bei "Tarde Em Itapo", einem unbeschwerten Strandlied mit glitzerndem Piano-Intro von Schmid, sind sie eingespielt und schütteln die überraschenden Synergieeffekte in Schmids ausgeklügelten Arrangements nur so aus dem Ärmel: Da paart sich die Melancholie von Jobims Klassiker "Insensatez" mit der chromatischen Treppe von Chopins "Prélude" Nr. 4. Der Bossa-Hit "A Felicidade" aus dem Film "Orfeu Negro" wird zum Zentrum einer Orpheus-Suite, in die Zitate von Gluck und Monteverdi eingebaut sind. In Schuberts "Ständchen" verbinden sich böhmischer Schmelz und brasilianische saudade zu einer "Serenata".

Werbung


Doch die genreübergreifenden Triumphe sind nie Selbstzweck, das Können des Trios bleibt stets im Zentrum: Schmid verknüpft unmerklich und einfallsreich Bossa-Begleitfiguren mit den romantischen Harmonien, hämmert massige Ostinati in die Tasten, spielt dezent mit Electronics und legt auch mal gerne mit inspirierten Bebop-Passagen los. Den schwierigsten Part hat Kraus, der den Spagat vom HipHop bis zur Klassiksphäre wuppt, delikates Beatboxing, gepfiffene Melodien und espritvollen Rap mit nachdenklichen Flügelhorn-Impros verklammert. Und in der Mitte Morelenbaum: Ihr Sopran schmiegt sich präzise in die langen Töne, gleitet schwerelos-elegant durch harmonisch komplexe Passagen. Sie ist zudem eine warmherzige Entertainerin.

Lautmalerisch wird ein Dampfzug nachgezeichnet

Gegen Ende schließlich eine Huldigung an Heitor Villa-Lobos, Brasiliens international bekanntesten Tonschöpfer. Sein "Trenzinho Caipira" sorgt für Begeisterung: Ein kleiner Dampfzug wird mit stampfenden Blockakkorden und schnaufenden Rhythmen nachgezeichnet. Lautmalerisch schließt sich die Beatles-Miniatur "Blackbird" an, die Schmid erst mit Bossa-Rhythmen, dann gar mit einem Salsa-Montuno auflädt. Da das Publikum mittlerweile aus dem Häuschen ist, gibt es auch eine Zugabe: Pixinguinhas quicklebendiger Choro namens "1:0" über ein Fußballspiel wird kredenzt, samt "Goooaaal!"-Einblendungen. Klassik trifft auf Brasilien: An diesem Abend war das keine Frage von Sieg oder Niederlage, sondern eine Win-Win-Situation.

Autor: Stefan Franzen