Bach, mit Fernbedienung

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Do, 06. September 2018

Klassik

Freiburg: Die Amerikanerin Janette Fishell an den Münsterorgeln.

"Warum nur, warum...?" heißt es in einem frühen Songtext von Udo Jürgens. Bezogen auf Janette Fishells Freiburger Orgelkonzert, drängt sich diese Frage nun ebenfalls auf. Denn: Von den nicht weniger als drei Möglichkeiten im Münster, im direkten Kontakt mit dem gewählten Instrument und mit, wie die Organisten es lieben, mechanischer Traktur Bach zu interpretieren, nutzte die an der Indiana University lehrende Professorin keine einzige! Sondern setzte sich gleich für den ganzen Abend vorn an den (sichtbaren) elektrischen Hauptspieltisch im Chorraum, um von dort zunächst den barocken Bach per Fernbedienung zu inszenieren. Bei Präludium und Fuge e-Moll BWV 548 vernahm man die Marienorgel – mit einem biederen (Einheits-)Klang, der einer Dorfkirche akzeptabel zu Gesicht gestanden hätte. Von Anfang bis Ende silbriger Mixturen-Sound. Sogar bei den virtuosen Zwischenspielen der experimentellen Fuge kein Farbwechsel. Von der Monumentalität gerade dieses Werkpaars blieb nicht viel. Bach, elektrisch. Die Klangrede bescheiden, auf 16-Fuß-Basis.

Doch erheblich mehr Bach- und Klang-Feeling bewies die immerhin (unter anderem) von Wolfgang Rübsam und Ludger Lohmann geschulte Interpretin bei den Choralbearbeitungen aus dem Dritten Teil der ClavierÜbung. Die kleine Version von "Dies sind die heil’gen zehn Gebot’" wurde – völlig entspannt und undogmatisch – zu einem humanen Flötenstück. Bei den Kanon-Pflichten der großen Fassung dieses Chorals kam der Dulzian der Schwalbennestorgel sehr schön (und überdies klar) zum Zuge. Und in der Fughetta über "Wir glauben all’ an einen Gott" waren es wohl die satzimmanenten Rhythmen der französischen Ouvertüre, welche die Organistin zum hier fast antikisierend wirkenden Krummhorn greifen ließen.

Ein Rezital für Kenner und Liebhaber und dabei kaum geeignet, der Orgelkunst neue Freunde zu generieren. Gründe: Die Romantik mit einem fesselnden Programmpunkt blieb nahezu ausgespart, der Funke sprang sehr selten über, und das (sinfonische) Potenzial der Münsterorgeln wurde nicht ausgereizt. Zumindest ein bisschen auf (Spät-)Romantisches, ganz konkret auf die Brahms’sche Orgelsprache, verweist die Adaption von "O Traurigkeit, o Herzeleid" der englischen Komponistin und Frauenrechtlerin Ethel Smyth. Janette Fishell gab dem Stück warme musikalische Herbstfarben und Expressivität.

Ausdruck und Technik sind der Amerikanerin zu bescheinigen. Ansonsten aber ist dieses Konzert, das mit einer netten Beethoven-Zugabe nebst Glockenspiel schloss, für den Hörer primär als Geduldstraining auf dem Acker der Neuen Sachlichkeit zu werten. Etwa mit Lionel Roggs Partita über den Choral "Nun freut euch, lieben Christen g’mein". In den Variationen bedient sich der Schweizer aus einem Formenbaukasten mit Gebrauchsanleitung zwischen Spielmusik und Hindemith. Kanon, Passacaglia, Toccata: alles dabei. Das Präludium über "Veni Creator Spiritus" der 1950 geborenen Amerikanerin Libby Larsen ähnelt einer harmlosen und quasi improvisierten Paraphrase. Zwei überzeugend präsentierte Beiträge aus Petr Ebens "Laudes" kündeten nachhaltig davon, dass Janette Fishell eine Spezialistin für die Musik des 2007 gestorbenen tschechischen Komponisten ist. Im Münster an diesem Abend, der ja leider nur am elektrischen Hauptspieltisch stattfand.

Letzteren – Leute mit brauchbarem Gedächtnis erinnern sich – hatte einst ein anderer Amerikaner gemieden: Daniel Chorzempa bot Liszts gewaltige "Ad nos"-Fantasie 1981 hoch oben an der mechanischen Marienorgel...