Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

14. September 2008 16:57 Uhr

Klassik: Die Lust an der Musik

Junges Orchester aus Venezuela begeistert

Am Ende tanzten sie und lagen sich in den Armen: 160 junge Musikerinnen und Musiker aus Venezuela haben am Wochenende unter ihrem Dirigenten Gustavo Dudamel ein umjubeltes Konzert im Festspielhaus Baden-Baden gegeben.

Was geht da ab? Was passiert da eigentlich? Gut 160 Musiker auf der Bühne, rund 2500 im Zuschauerraum – aber am Ende ist man sich dieser Trennung gar nicht mehr bewusst. Das, was aus dem Munde des Bundesvorsitzenden der Jeunesses musicales Deutschland, Hans-Herwig Geyer, vor dem Baden-Badener Auftritt des Simón Bolívar National Youth Orchestra (SBNYO) of Venezuela unter seinem Chef Gustavo Dudamel noch ein bisschen zu sehr nach oft strapaziertem Klischee klang, ist jetzt Normalität: Der Abend ist mit der ersten Zugabe, dem vom Orchester ebenso getanzten wie gespielten Mambo aus Bernsteins "West Side Story" endgültig zur Fiesta geworden – so wie schon längst zuvor der Hüftschwung des Dirigenten beim Dirigieren zur Keimzelle ihrer ganzen Musik.

Begeisterung und Konzentration

Ob er ein guter Dirigent sei, fragten nicht selten jene Skeptiker, denen die "Fiesta", die viele Medien um den gerade mal 27-jährigen Pultstar Dudamel, suspekt ist. Er ist es, und noch mehr. Er ist auch ein sehr guter Orchestererzieher – ein Prädikat, das bei Dirigenten nicht allzu häufig vergeben werden kann. Dafür bekommt er in Baden-Baden an diesem Abend auch den mit 10 000 Euro dotierten Würth-Preis der Jeunesses musicales Deutschland verliehen. Denn selbst wenn man berücksichtigt, dass heute etwa 70 Prozent der Musiker des SBNYO Festengagements in Orchestern haben, so ist es doch maßgeblich Dudamels Persönlichkeit, seine Ausstrahlung und seine Autorität, die Begeisterungsstürme auf und vor dem Podium auslösen kann. Und gleichzeitig höchste Konzentration.

Werbung


Der Beginn des Baden-Badener Konzerts ist dafür das beste Beispiel. Nach den etwas zu lang geratenen Laudationes zur Preisverleihung noch vor dem Konzert ist die Unruhe im Orchester, das längst auf der Bühne Platz genommen hat, spürbar. Es soll nicht mit irgendeinem Stück losgehen, sondern mit einem Meilenstein der frühen Moderne, das der Kategorie des Rhythmus in der abendländischen Musik einen ganz neuen Stellenwert einbrachte: "Le sacre du printemps". Und da steht Dudamel vor diesem Orchester wie ein Schamane und lädt es in wenigen Sekunden mit der verloren geglaubten Spannung auf. Wie Hypnose ist das – zumal vor einer Musik, deren Suggestionskraft selbst etwas Hypnotisches an sich hat. Dass der Solofagottist dann in seinen ersten Takten doch ein bisschen Nerven zeigt – menschlich. Strawinskys Frühlingsmorgen bricht mit allem Ausdruck an, der in diese Musik hineingelegt ist.

Dudamel ist ein Beschwörer. Bei ihm kommt Musik aus dem ganzen Körper, doch hat sein obligatorischer Hüftschwung nichts gemein mit Partyfeeling. Es ist, als verberge sich dahinter eine musikalische Geheimsprache – auch das passend zu Strawinskys kultischem Opus. Die rhythmische Dominanz dieser Musik stößt bei den Südamerikanern ohnedies auf fruchtbarsten Boden; so kraftvoll, so eindringlich und so selbstverständlich erlebt man selten einen "Sacre".

Brillante Violinen fetzige Perkussiongruppe

Aber da ist auch noch etwas anderes, was die Paarung Dudamel-SBNYO so hinreißend macht. Es ist diese unbedingte Gemeinsamkeit bis hin zum miteinander Atmen. Dudamel dirigiert mit seiner klaren, keineswegs überfrachteten Technik auch das Verklingen von Musik, die Spannung zwischen den Pausen. Und die Musiker tragen sie weiter. Freilich funktioniert das nur dank der exzellenten technischen Möglichkeiten – von den brillanten Violinen über die hochsensiblen Holzbläser, die faszinierend-fetzige Perkussiongruppe bis zu jenen beiden Trompetern, die in der Einleitung zum zweiten Teil des "Sacre" ein so unglaublich leises piano zu spielen vermögen, wie man es rein physikalisch nicht für möglich hält. Mit der gleichen Suggestionskraft erklingen im zweiten Teil übrigens Mussorgski/Ravels "Bilder einer Ausstellung" – noch so ein Powerstück der Konzertliteratur und aus dramaturgischer Perspektive sicher des Guten zu viel für einen Abend. Doch wenn man die hohe Emotionalität spürt, sieht, wie sie sich am Ende reihenweise vor Musizierglück in den Armen liegen, ist das sekundär. Dann wünscht man sich eigentlich nur noch, dass eine solche Begeisterung für gute Musik bei jungen Menschen auch in Deutschland eines Tages wieder zu einem Massenphänomen wird. Wie in Venezuela geschehen.

Autor: Alexander Dick