Spielerische Begegnungen im Musikbahnhof

Michael Baas

Von Michael Baas

Mi, 05. September 2018

Klassik

Basler Gare du Nord startet mit Musiktheater nach Rainald Goetz.

Der Bahnhof für Neue Musik: Mit diesen vier Worten skizziert der Gare du Nord sein Konzept. Darüber bietet die 2002 im Badischen Bahnhof in Basel initiierte und inzwischen in den früheren Restaurationsräumen heimisch gewordene Kulturinstitution undogmatische und spielerische Begegnungen mit Musik des 20. und 21. Jahrhundert. So wurde dieser Musikbahnhof zum Treffpunkt der zeitgenössischen Musikszene und des interessierten Publikums in der Region und hat unter Leitung der Mitinitiatorin und seit 2008 als alleiniger künstlerischer Leiterin fungierenden Schauspielerin und Sängerin Désirée Meiser eine Reihe von Gefäßen zur Präsentation und Vermittlung von Neuer Musik entwickelt. Daran knüpft die Spielzeit 2018/19 an.

Eröffnet wird diese Mitte Oktober mit "Kolik", einem Musiktheaterprojekt nach dem gleichnamigen Text von Rainald Goetz. Dieser sei der "Sterbemonolog eines verzweifelten Egos" und ein "letzter Akt eines gewaltvollen Lebens", schilderte Benjamin von Bebber dieser Tage bei der Saisonvorschau. Der Hamburger, dessen Inszenierungen für den experimentellen Umgang mit Stimme bekannt sind, führt Regie bei dieser Eigenproduktion des Gare du Nord und sieht das "szenische Oratorium" als Beispiel dafür, "wie zeitgenössische multiple Ichs mit sich Frieden schließen können". Den musikalischen Teil verantwortet Jannik Giger. Der Schweizer Komponist hört in dem "Sterbespiel" auch einen "Rapflow" und sieht darin die lang erwartete Gelegenheit, die Bachsche "Matthäuspassion zu zerreißen", wie er augenzwinkernd aus der Werkstatt berichtete. Den Gesangspart übernimmt Sarah Maria Sun.

Konzeptionell gehört diese Eröffnung in die Schublade der Musiktheaterformen, denen sich der Gare du Nord seit einigen Spielzeiten widmet. Die Neue wartet darüber mit acht unterschiedlichen Produktionen auf. Darunter findet sich "End of the Line", ein Stück über Liebe und Verlust, das Francis Poullencs Mono-Oper "La voix humaine" und das Libretto von Jean Cocteau verbindet mit einer Etüde Michael Jarrells für Klavier und einer Improvisation von Ludovic Van Hellemont. Regie führt die in Basel lebende Engländerin Ann Allen, die 2012 für das Stimmenfestival in "Eurydikes Lamento" die antike Sage aus weiblicher Perspektive erzählte. Ein weiterer auch im Kreis Lörrach präsenter Gast ist Jürg Kienberger. Der Schweizer Musiker und Schauspieler, der zum Kreis um Christoph Marthaler gehört und wiederholt im Theater im Hof in Kandern gastierte, zeigt "Eingerockt und ausgesungen", eine Auseinandersetzung mit dem Schweizer Reformator Ulrich Zwingli.

Eine andere Reihe ist mit "Route des Voix" überschrieben. Diese beleuchtet Facetten der menschlichen Stimme, quer durch die Stilarten des Gesangs. In dem Gefäß tritt unter anderem das Mondrian Ensemble auf. Im Zusammenspiel mit der Mezzosopranistin Solenn’ Lavanant Linke lotet das Quartett in dem Programm "Crina" auf Basis einer Komposition des italienischen Komponisten Carlo Ciceri die Möglichkeiten von Streichertrio und Elektronik aus und kombiniert diese mit einem Leiderzyklus von Kevin Juillerat zu einem Text des Schweizer Abenteurers und Schriftstellers Blaise Cendrars. Weitere Interpreten der Reihe sind das Stimmquartett Pas de cinq, das zu seinem zehnjährigen Bestehen den Schauspieler und Musiker Daniele Pintaudi mit weiteren Gästen geladen hat, oder das Ensemble Domus Artis, das Vokalmusik der spanischen Renaissance in einem inszenierten Konzert mit Uraufführungen des zeitgenössischen argentinischen Komponisten Julian Galáy verbindet.

Eine dritte Reihe nennt sich "Von Zeit zu Zeit". Diese oszilliert im Spannungsfeld zwischen Alter und Neuer Musik und kreiert darüber erstaunliche musikalische Zusammenhänge. So findet sich hier unter anderem Programme, die Werke aus John Dowlands "Bookes of Songes" verbinden mit den "Song Books" von John Cage oder solche, die einen Link schaffen zwischen Johann Sebastian Bach und Cage. Letzteres versucht der Cembalist und Komponist Rudolf Lutz, dessen neues Werk "Spiel-Trieb", die Camerata variabile präsentiert; Ersteres ist eine Kombination, an die sich das auf Alte Musik spezialisierte und im Umfeld der Schola Cantorum Basiliensis entstandene Ensemble théleme wagt.

Auch das "Ensemble der Saison" kehrt wieder nächste Spielzeit. Heuer übernimmt das Mondrian Ensemble den Part. Das weltweit gefeierte Quartett aus drei Streicherinnen und der Pianistin Tamriko Kordzaia bietet unter dem Titel "No Reality" unter anderem eine Uraufführung des 1954 in Helsinki geborenen und in Basel ausgebildeten Komponisten Edu Haubensak, der auch schon mit der Sängerin Sylvia Nopper aus Grenzach-Wyhlen oder der Basel Sinfonietta gearbeitet hat. Dabei wird das Ensemble übrigens von der Percussionistin Erika Öhmann, der Schwester der Cellistin Karolina Öhmann, auf Steinklanginstrumenten begleitet.

Fortgesetzt werden auch die "Promenaden", Kammermusikabende mit dem Sinfonieorchester Basel, die Reihe mit dem Ensemble Phoenix Basel um den Pianisten Jürg Henneberger, einem Urgestein der zeitgenössischen Musik in Basel, sowie die "Looping Journey". Dahinter verbirgt sich eine Zusammenarbeit mit Basler Laienchören, die von den Stimmperformern gecoacht werden. Das sind dieses Mal Jeannine Hirzel, Andreas Schaerer, der im Sommer bei "Stimmen" im Rosenfelspark überzeugte, sowie Christian Zehnder, der auch wiederholt in Lörrach begeistert hat.

Gare du Nord: Saisonauftakt mit "Kolik" 18. bis 20. Oktober jeweils 20 Uhr, Badischer Bahnhof in Basel. Das komplette Programm unter: http://www.garedunord.ch