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15. April 2016

Körperbilder aus der Tonerkartusche

"Zwischen Körper und Raum": Elisabeth Zellers Frottagen im Merdinger Kunstforum.

Der menschliche Körper besteht aus Haut und Knochen, Blut und Bakterien, Organen, Muskeln, Nerven. Nüchtern betrachtet also aus einem Haufen Kram, der – Biochemie und Physiologie sei Dank – gut genug organisiert ist, um eigenständig zu lernen, wie er sich morgens aus dem Bett, später dann zur Arbeit oder ins Fitnessstudio hievt und dabei sogar Spaß haben kann. Allein, ob die Seele hier eher als Akku fungiert oder als eine Art Schwarmintelligenz aller beteiligten Substanzen den Prozess am Laufen hält, ist noch nicht abschließend geklärt.

Für die junge Freiburger Künstlerin Elisabeth Zeller, die derzeit im Merdinger Kunstforum ausstellt, sind Bilder dieses menschlichen Körpers das Material, mit dem sie arbeitet. Und auch das darf man durchaus wörtlich nehmen. Körperdarstellungen gehören zu den All-Time-Favorites der Kunst. Sie berühren uns, lösen Glück, Begehren oder Ekel aus, und doch bestehen sie – wie das, was sie abbilden – aus nichts Anderem als aus Molekülen. In Zellers Fall sind das die zu Toner gerührten Pigmente, Trennmittel und Silikone auf Papier, auf das sie Digitalfotografien aus dem Internet oder von privaten Shootings mit Freunden ausdruckt. Einen Tropfen Nitroverdünner darauf verschüttet, und das Bild der Körper löst sich auf. In einem Balanceakt zwischen Intuition und Kalkül überträgt Zeller diese Laser-Ausdrucke per Frottagetechnik auf rohe, meist kleinformatige MDF-Platten und überarbeitet sie mit Acrylfarbe, Buntstift oder Sprühlack, bis sich die Körperkonturen mal in wolkenartig durch den Bildraum ziehende Farbnebel verflüchtigen, mal unter überklebten Gazestreifen oder dynamischen Strichwirbeln verschwinden. Scheint Zeller hier auf den ersten Blick an einem Index möglicher Abstraktionen des menschlichen Körpers zu arbeiten – vom trivial-existenzialistischen Giacometti-Rip-Off bis zur coolen Material-Collage im Street-Art-Look ist alles dabei –, verraten ihre Bilder zugleich eine auffallende Begeisterung für die haptischen Qualitäten, die die Auslöschung der Figur durch chemische und physikalische Materialprozesse hervorbringt.

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Dass bei manchen ihrer Überarbeitungen am Ende kaum mehr als ein Fleck übrig bleibt, als sei der Körper unter extremer Hitze verdunstet, scheint die Spur als Hinweis auf das Abwesende ins Zentrum zu rücken. Ob wir diese mit der Aura von Vergänglichkeit, Verletzlichkeit oder Begehren aufladen, bleibt uns überlassen. Doch auch das zeigen diese Bilder: Toner, Holz und Nitrolösung wissen nichts von solchen Zuschreibungen – nicht einmal, zu welch absichtsloser Schönheit zu reagieren sie imstande sind.

Elisabeth Zeller: Merdinger Kunstforum, Stockbrunnengasse 2. Bis 8. Mai,

Samstag 16–18 Uhr, Sonntag 12–18 Uhr.

Autor: Dietrich Roeschmann