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24. März 2011
Kopf und Herz, Grazie und Geschmack
Fabrice Bollon, der Cellist Johannes Moser und das Philharmonische Orchester mit Mahler, Elgar und Fauré im Konzerthaus.
Das Französische und was daraus folgt: vielleicht der heimliche rote Faden, der sich durch das fünfte Sinfoniekonzert des Freiburger Philharmonischen Orchesters schlängelte. Ein französischer Dirigent (Fabrice Bollon), dessen pflegliche Behandlung eines französischen Komponisten (Gabriel Fauré) nicht ohne Folgen fürs Gesamtprogramm blieb. Faurés Suite aus der Bühnenmusik zu Maurice Maeterlincks Schauspiel "Pelléas et Mélisande" (1898/1901) ist im Vergleich mit Debussy und Schönberg gewiss die duftigste, luftigste Annäherung an den Stoff. Federleicht mutet diese Musik an, filigran, nirgends Drücker, keinerlei Sentimentalitäten – sondern: Grazie, Charme noch im Ernst, in der Trauer. Noble Musik. Und nobel, das Auf und Ab der Ausdruckskurven mit viel Gespür, viel Geschmack und feinsten Abstufungen nachvollziehend, geriet auch die Wiedergabe im Konzerthaus.
Genau das, so schien es, färbte auch auf die Interpretationen von Edward Elgars Cellokonzert ab, und es prägte, vor allem in den zaubrischen Piano-Nischen, ebenso Gustav Mahlers erste Sinfonie. Elgars Werk: eine fesselnde halbe Stunde, unter dem Eindruck von Krankheit und Erstem Weltkrieg geschrieben, mit dem Solisten als unangefochtenem Hauptdarsteller – ein Privileg, das Johannes Moser mit mirakulös weichem und vollem Ton zu einem phänomenalen, so empfindsamen wie virtuosen Höhenflug nutzte. Eine Musik, getragen, allzeit sanglich, nicht ohne Pathos, auch nicht ohne Melancholie, ohne Resignation, häufig in der Haltung einer männlich-kraftvollen Klage. Elgar eignet eine expressive Melodik, beredt, doch nie redselig, ein Melos, das auch den unheimlich voranstürmenden Scherzo-Charakter kennt, indes auch dort mit gedeckten Farben arbeitet und auch in der betonten Lebendigkeit nicht überschäumend wirkt, sondern stets in die Nachdenklichkeit zurücksinkt.
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Die "Erste" war Bollons Freiburger Mahler-Debüt. Ohne Umschweife: GMD und Orchester geriet bis in die vielen kniffligen Soli hinein eine Auslegung, die sich auch neben den SWR-Versionen von Bollons Lehrer Michael Gielen mit Bravour hält, ja, mitunter zu bestechender Qualität vorstößt, im Gegensatz zu jenem allerdings auf abgerundeter Klanglichkeit besteht. Freilich, auch Bollon ist ein Mahler-Dirigent des klaren Kopfes, der Analyse. Nur, dass er den Herzschlag in Mahlers Wehmutsvisionen wie der "Lindenbaum"-Episode des grotesken Trauermarsches gleichermaßen aufspürt. Schon die Naturklang-Inszenierung des Beginns wird minutiös und mit großer Spannung ausgebreitet, im Grunde regelrecht aufgedröselt. Die Zutaten des Mahler’schen Ready-made-Komponierens, das fast schon überdeutliche Ausbreiten der vorgefundenen Bestandteile, dieser grandiose Mix aus Vogelruf und Volksweise, aus Militärsignalen und Trauerkapellen-Parodie, aus Sphärenpoesie und Alltagsbanalität – all das ist mit ausgesuchter Akkuratesse blank geputzt. Und wo, vor allem im mächtig aufgetürmten Finale, die Effektgefahr besteht, dass die Musik sich selber überschreit, da hält diese Freiburger Variante eher Maß. Begeisterung im Saal.
Autor: Heinz W. Koch
