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30. April 2010

KRIMINALROMANE: Besonnene Ermittler

Neue Romane von Richard Thiess und Marko Kilpi.

Wenn Polizisten schreiben: Zum "Tag der Arbeit" passen zwei Bücher über die Arbeit der Polizei – einmal in Finnland, einmal in Bayern.

"MORDKOMMISSION"
Richard Thiess wirkt besonnen und umsichtig. Selbst in der Einleitung zu seinem Tatsachenbericht "Mordkommission – Wenn das Grauen zum Alltag wird" zieht er nicht vom Leder. Gegen Klischees will er anschreiben, sagt der Hauptkommissar aus München, von wegen Superhelden, nur durch Teamarbeit kommt es zu Fahndungserfolgen, "die Wirklichkeit sieht weniger schillernd aus" als gemeinhin angenommen.

Sie sieht auch weniger kompliziert aus, könnte ein Fazit dieses Buches lauten. In Wirklichkeit wird kaum gerätselt, großartig kombiniert oder taktiert, sondern Fitzelkram zusammengetragen und geschult vernommen – das war's und der Täter ist überführt. Zumindest in den fast 30 Fällen, die der Autor berichtet. Ein paar Seiten umfasst so ein Fall und schon ist alles erzählt, die Arbeit daran, die Grausamkeit der Tat, das Leid. Spannend ist das nicht. Und trotzdem entwickeln die Kurzreportagen einen Sog. Das liegt weniger daran, dass die Fälle wahr sind, sondern daran, wie Thiess darüber schreibt: behutsam ohne Sensationsgier, fast unbeteiligt, im Jargon professionell. Umso wirkungsvoller ist es, wenn der erfahrene Ermittler Emotionen einstreut oder psychologische Abgründe andeutet. Im Grunde verkörpert Richard Thiess (Jahrgang 1952), einen Ermittler, wie man ihn sich vorstellt, zumal er sich nie Urteile erlaubt. Diese Besonnenheit ist das Literarische an diesem Tatsachenbericht.

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"ERFRORENE ROSEN"
Auch der Finne Marko Kilpi ist im Hauptberuf Polizist, doch wie seine Hauptfigur Olli Repo ein Quereinsteiger. Die Beantwortung der Frage "Was bringt jemanden dazu, einen gut dotierten Job aufzugeben und Polizist zu werden?" macht einen Großteil seines Debütromans aus, wie auch die (Versagens)ängste, die den unsicheren Protagonisten bei seiner neuen Arbeit begleiten. Mit den abgebrühten Kollegen muss der Ex-Werbespezialist ebenso zurechtkommen wie mit seinem oft deplatzierten, manchmal blinden Eifer.

Während Repos Entwicklung, überhaupt die Polizeiarbeit sehr realistisch anmutet, nicht zuletzt aufgrund der einfachen Sprache, wirkt der Fall, der die Polizei in Kuopio in Atem hält, ein wenig konstruiert. Eine Reihe von Anschlägen mit Sachbeschädigungen scheint auf einen einzigen Täter zurück zu gehen, der offensichtlich noch Grausameres vorhat. Zudem ist Repos verhasster Vater darin involviert – der Versicherungsagent erkannte als erster einen Zusammenhang zwischen den scheinbar willkürlichen Zerstörungen. Kilpi hat "Erfrorene Rosen" voll gepackt mit psychologischen Betrachtungen und Nebenschauplätzen, moralischen Diskussionen und Polizeialltag, schafft es aber dennoch die Spannung aufrechtzuerhalten. Das brachte ihm 2008 den Finnischen Krimipreis ein. Verblüffenderweise wirkt der Roman wie eine Ergänzung zu Thiess' Tatsachenbericht – in Finnland wie in Bayern scheint es gute Polizisten zu geben.
– Richard Thiess: Mordkommission. München 2010, dtv Premium, 239 Seiten, 14,90 Euro.
– Marko Kilpi: Erfrorene Rosen. Deutsch von Gabriele Schrey-Vasara. Dortmund 2010, Grafit, 284 Seiten, 18,90 Euro.

Autor: Joachim Schneider