KRIMINALROMANE: Leben – eine Inszenierung

Joachim Schneider

Von Joachim Schneider

Sa, 03. Juni 2017

Literatur & Vorträge (TICKET)

Zwei grandiose Krimis aus Großbritannien.

Der Schein bestimmt das Sein, und die Wahrheit liegt im Dunkeln. Davon erzählen zwei grandiose Kriminalromane aus Großbritannien.

Der Freund der Toten

Das Leben, eine Inszenierung. Jeder spielt eine Rolle, oft mehrere, mal besser mal schlechter. Die Haushälterin des Pfarrers ebenso wie die alte Theaterdiva, die es in das beschauliche Nest an der irischen Atlantikküste verschlagen hat. Jeder in Mulderrig hat etwas zu verbergen: eine Affäre, einen Skandal oder vielleicht nur eine Sehnsucht. Die aber reicht, das Leben unglücklich werden zu lassen. Ein fragiles Gebilde, so eine illustre Gemeinschaft, zumal es unter der inszenierten Oberfläche brodelt.

Und nun das. Ein ominöser Brief bringt ihn ins Dorf: Mitte 20, leicht verwahrlost, ein beeindruckendes Mannsbild, das nicht nur Sehnsüchte weckt, sondern auch Begehrlichkeiten. Doch dieser Mahony muss vor allem herausfinden, was vor 26 Jahren mit seiner blutjungen Mutter passiert ist und warum er so ein Schicksal erleiden musste: ein gebeuteltes Waisenhauskind, dem die Toten erscheinen – daher der deutsche Titel "Der Freund der Toten" für dieses in jeder Hinsicht fantastische Werk der britischen Schriftstellerin Jess Kidd. Mitte der 70er Jahre – vor langer langer Zeit – angesiedelt, spinnt es eine eigene literarische Welt aus märchenhaften Figuren, großartig gezeichneten Charakteren, Anspielungen und Reminiszenzen, grauem Alltag, Naturschauspiel und menschlicher Komödie.

Nicht nur den Toten, auch Dingen haucht die Autorin Leben ein. Letztlich sind sie – wie beruhigend – alle auf der Seite der Guten. Einmal im Jahr inszeniert die monströse alte Kröte Mrs Cauley, die Theaterdiva, ein Theaterstück. Mahony bekommt die Hauptrolle, das Casting wird Schauplatz seiner ersten Ermittlungen. In dieser wundersamen Zauberwelt erscheint das Verbrechen vulgär und Doppelmoral verwerflicher als jeder Fehltritt. Dieser magische Realismus – das Gegenteil eines Noir-Romans, obwohl es düster und auch mal brutal zugeht – ist Balsam für die Seele.

Das alte Böse

Ein Meister der Inszenierung ist auch Roy, der – wenn es sein muss – seine Identität wechselt wie sein Hemd. Im Lauf der Jahre entwickelte er erstaunliche schauspielerische Fähigkeiten und charakterliche Eigenschaften, die ihn zu einem Meisterbetrüger machten. Nun hat der Mann ohne Vergangenheit auch keine Zukunft mehr: Längst über 80, plant er einen finalen Coup, weil er aus dieser Haut nicht schlüpfen kann: Er sucht sich eine Dame, um sie nach allen Regeln der Kunst ein letztes Mal auszunehmen. Betty wirkt wie das perfekte Opfer: Die weltfremde Akademikerin scheint dem Charme des alten Stenz ohne großen Widerstand zu erliegen.

Klingt wie eine Gauner-Klamotte, doch in Nicholas Searles Debütroman "Das alte Böse" ist nichts, wie es scheint. Weder die obligatorischen Kapriolen lassen sich in dieser Form erahnen, noch geben die eingestreuten Rückblenden bis in die Nazi-Zeit vorzeitig Aufschluss. Solch eine perfekte Inszenierung schafft hoffentlich nur die Literatur. Brillant.

Jess Kidd: Der Freund der Toten. Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Dumont Verlag, Köln 2017. 384 Seiten, 20 Euro.
Nicholas Searle: Das alte Böse. Deutsch von Jan Schönheer. Kindler Verlag, Reinbek 2017. 368 Seiten, 19,95 Euro.