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31. Juli 2010

KRIMINALROMANE: Tango und Sarkasmus

Spannung aus Argentinien im Doppelpack.

Die Meister des Grotesken kommen aus Argentinien: Guillermo Orsis Detektiv-Thriller "Im Morgengrauen" und "Ein Chinese auf dem Fahrrad", ein Nicht-Krimi von Ariel Magnus.
"IM MORGENGRAUEN"
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. So sind mittlerweile auch die ersten zeitgenössischen Krimis erhältlich aus dem Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse: Argentinien. Ein Ereignis aus der jüngsten Vergangenheit des lateinamerikanischen Landes schreit geradezu nach kriminalliterarischer Verarbeitung: der Staatsbankrott. Guillermo Orsis Roman "Im Morgengrauen" beginnt kurz davor, im Dezember 2001. Die ersten Demonstrationen und Plünderungen erschüttern Buenos Aires, doch Pablo Martelli, den alten Zyniker, lässt das ziemlich kalt: Es kam, wie es kommen musste und wie von staatswegen geschürt und geplant.

Der fast 60-jährige Ex-Polizist der mächtigen Bundespolizei und desillusionierte Handelsreisende für Sanitärartikel (vulgo: Kloschüsselvertreter) hat andere Sorgen: Ein alter Freund, der ihn um Hilfe gerufen hatte, lag schon erschossen in seinem Ferienhäuschen, als er ankam. Dessen göttlich-blonde, junge Freundin muss kurz darauf dran glauben – erstochen in der Manier eines gerade wütenden Serienkillers. Klingt verzwickt, doch das ist nur der Anfang.

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Unversehens steckt Martelli in gleich mehreren Verschwörungsszenarien, zu allem Übel verfolgt ihn seine gescheiterte große Liebe: Erst rein psychisch, dann taucht sie tatsächlich wieder auf mit verheerenden Folgen. Seltsamerweise entpuppen sich ein dicker Pathologe und zwei arrogante Provinzbullen als Verbündete im Kampf gegen korrupte, mafiöse und machtversessene Cliquen – auch Martelli, kein Unschuldslamm, war mal Teil dieser Maschinerie. Eine aberwitzige Farce inklusive Tango, Leidenschaft und bitterbösem Sarkasmus, die nur deshalb verteufelt Spaß macht, weil Orsi in Martelli einen sarkastischen, schwarzhumorigen Ich-Erzähler geschaffen hat, der locker als altgewordener Latino-Marlowe durchgeht.
"EIN CHINESE AUF DEM FAHRRAD"
Auch Ariel Magnus hat sich einen grotesken Erzählstil zu eigen gemacht. Doch während Orsi in seinem Thriller Klischees fast schon bis ins Surreale überzeichnet, spielt Magnus mit Erwartungshaltungen: "Ein Chinese auf dem Fahrrad" beginnt wie ein Krimi: Ein mutmaßlicher Brandstifter entführt einen Zeugen im Gerichtsaal, doch der Fall verliert sich alsbald im rätselhaften Gewusel von Buenos Aires' Chinatown. Der Entführte entspricht so gar nicht dem heißblütigen Latino, sondern ist ein etwas dicklicher, gelangweilter Computer-Nerd, der die exotische Umgebung als willkommene Abwechslung in seinem tristen Dasein sieht. Er taucht in eine mysteriöse Welt voll sonderbarer Gestalten, abstruser Geschichten und wirren Verflechtungen ein, verliebt sich und sammelt selbst beim Sex neue Erfahrungen. Auch Magnus setzt einen Ich-Erzähler ein, dessen Entdeckung eines neuen und anderen Lebens nicht nur erhellend, sondern auch brüllend komisch ist.
– Guillermo Orsi: Im Morgengrauen. Deutsch von Matthias Strobel. München, dtv, 2010 366 Seiten, 8,95 Euro. – Ariel Magnus: Ein Chinese auf dem Fahrrad. Deutsch von Silke Kleemann. Köln, Kiepenheuer & Witsch 2010,
256 Seiten, 17,95 Euro.

Autor: Joachim Schneider