KRITIK IN KÜRZE

Udo Andris

Von Udo Andris

Do, 02. Februar 2017

Rock & Pop

Annette Mayes Vinograd Express in Freiburg

Nahöstlich kolorierte, auch an Klezmer erinnernde Melodielinien gestalten sich zu einem Thema. Allmählich lösen sich die Strukturen der Komposition auf, führen ein Eigenleben, gleiten hinüber in (freitonale) Improvisationen. Geduldige Bass-Ostinati garantieren derweil Erdung, während variable Beats das Kollektivspiel durchpulsen... Für Grenzüberschreitungen, die Begegnung unterschiedlicher Musikkulturen setzt sie sich schon lange ein. Und auch an diesem Abend verknüpft Annette Maye mühelos außereuropäisches Vokabular mit der Syntax des Jazz und manchem mehr. Die 1974 geborene, heute in Köln lebende Klarinettistin und Musikwissenschaftlerin wurde unter anderem bekannt als Mitglied und Komponistin des deutsch-türkischen Trios "ensemble FisFüz". Beim sehr gut besuchten Konzert im Freiburger "Schützen" (Jazzkongress) nun stellte sie ihr aktuelles Projekt Vinograd Express vor: Werke aus dem Masada-Songbook des New Yorker Avantgardisten John Zorn erfahren in diesem Quartett, neben der Leaderin an den Klarinetten noch Udo Moll (Trompete), Janko Hanushevsky (E-Bass) und Max Andrzejewski (Schlagzeug), eigenwillige Transformationen. Der sonst ebenfalls beim Vinograd Express mitwirkende, international renommierte italienische Klarinettenvirtuose Gianluigi Trovesi mußte leider wegen Krankheit absagen. Dennoch: Mit einem aufmerksamen Interplay, dem Wandern zwischen nachdenklichen, ruhigen Noten und lebhaften Regionen demonstrieren die vier ihre multistilistischen Ideen, ihre Konzeption transnationaler Musik. Wobei das Miteinander einer aufleuchtenden Trompete und einer samtweichen Bassklarinette einen besonderen Reiz besitzt.