Kulturgeschichte des Entbehrlichen

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Fr, 06. Juli 2018

Ausstellungen

Die Ausstellung "Zweck – fremd?" im Landesmuseum Karlsruhe.

Was der zivilisatorische Fortschritt entbehrlich macht, landet früher oder später auf dem Müllhaufen – oder in der Vitrine. Im Badischen Landesmuseum wurde in den Depots der 500 000 Objekte umfassenden Sammlung nach solchen Objekten gegraben. Die Fundstücke sind jetzt in der Ausstellung "Zweck – fremd?" ausgebreitet. Es sind Gegenstände, die man heute kaum noch vom Hörensagen und gar nicht aus eigener Anschauung kennt. Wie etwa sieht ein Schwörstab aus – oder ein Kleiekotzer? Was ist eine Mörköbuchse? Und wofür war die Nähklemme gut? Eingebettet in den jeweiligen kulturgeschichtlichen Kontext werden Objekte wie diese im Karlsruher Schloss an kleinen Stationen präsentiert, die über die riesige Schausammlung des Museums verteilt und durch die Signalfarbe Grün miteinander verbunden sind. Der Besucher darf bei jedem Objekt raten – und erfährt neben der Auflösung interessante Details zu dem jeweiligen Gegenstand.

Eine Ausstellung als Rätselquiz? Man könnte auch von einem Crashkurs in Kulturhistorie sprechen, einer Kulturgeschichte der ausgemusterten Alltagsgegenstände, die in früheren Zeiten allenthalben in Gebrauch waren – wie die Buchschließe im 18. Jahrhundert oder der Kaffeewärmer der Fünfzigerjahre. Auch der Sturzbecher war weit verbreitet. Das trichterförmig zulaufende Trinkgefäß hatte keinen Fuß und konnte nur umgedreht, auf dem Trinkrand abgestellt werden. Derlei Objekte gab es schon in der Antike. Den meist geistigen, hoch- oder niederprozentigen Inhalt trank man idealerweise in einem Zug aus. Anderenfalls musste man das Gefäß so lange in der Hand halten, bis es leer war.

Diese Trinkgefäße waren von unterschiedlichster Gestalt. Beliebt waren Tiermotive wie der Schädel von Fuchs und Hase, Steinbock oder Hirsch. Auch figürliche Sujets kamen vor. Der kostbare Sturzbecher aus vergoldetem Silber in Gestalt einer Nonne aus der Sammlung des Landesmuseums wurde Anfang des 18. Jahrhunderts in Augsburg hergestellt. Zum Einfüllen musste die Ordensschwester mit ihrem nach unten breiter werdenden Gewand um 180 Grad gedreht werden. So konnte man ihr beim Trinken gewissermaßen unter den Rock schauen. Scherzbecher wurden solche Gefäße auch genannt.

Vergessen ist heute auch die Docht- oder Lichtputzschere. Seit dem 15. Jahrhundert diente sie in Mitteleuropa dazu, bei den stark rußenden Kerzen jener Zeit den Docht zu kürzen: ein lästiger Vorgang, der regelmäßig wiederholt werden musste. "Wüsste nicht, was sie Besser’s erfinden könnten, / Als wenn die Lichter ohne Putzen brennten", dichtete noch der junge Goethe. Zumal bei Talg- und Unschlittkerzen, die umso mehr rußten, flackerten und tropften, je länger der Docht wurde, war das Kürzen ratsam; Bienenwachskerzen waren dem Adel und der Kirche vorbehalten. Das an einer der beiden Scherenklingen applizierte Kästchen diente dazu, das abgeschnittene Dochtstück – die Schnuppe – aufzufangen. Von letzterer leitet sich die Wendung "das ist mir schnuppe" ab, im Sinne von: "das ist mir gleichgültig, hat keinen Wert, keine Bedeutung für mich". Als Sinnbild der Nichtigkeit und Vergänglichkeit des Daseins taucht die Dochtschere in niederländischen Vanitas-Stillleben der Barockzeit auf.

Der Brotstempel wurde schon vor 1500 Jahren von Bäckern zur Kennzeichnung ihrer Ware in den noch weichen Brotteig gedrückt – eine Art Firmenlogo. Ebenso wenig wie ihn kennt man heute noch den Kleiekotzer. Nach der revolutionären Erfindung des Beutelwerks in Mühlen wurde durch den weit aufgerissenem Mund der reliefierten Nachbildung eines menschlichen Gesichts die vom Getreidekorn getrennte Spreu abgeführt oder ausgespieen. Die Furcht einflößenden Fratzen dienten zur Abwehr böser Geister. Die ausgestellte "Mühlgosche" – ein anderer Name der wilden Gesellen – aus dem 19. Jahrhundert stammt von einer Wassermühle in Vörstetten bei Freiburg.

Ausgestellt sind etwa auch ein Doppelmaser – ein zerlegbares zweiteiliges Trinkgefäß aus Maserholz – oder ein Schwörstab. Der Tragering wurde früher für den Transport von Gegenständen auf dem Kopf benutzt. Die Mörköbüchse erweist sich als eine Art vorsintflutlicher Revolver aus dem späten Mittelalter. Der Keuschheitsgürtel aber ist, wie man heute weiß, ein geschichtlicher Fake. Dass das angeblich mittelalterliche Vorhängeschloss für eheliche Treue eine neuzeitliche Erfindung, eine ins Mittelalter zurückprojizierte Rosstäuscherei war, gilt heute als erwiesen.

Bei einigen Objekten musste selbst das Museum passen. Die genaue Funktion eines von Experten versuchsweise als "Brennlöffel" bezeichneten Holzobjekts etwa ist bis heute unbekannt. Ebenso unklar sind Sinn und Bedeutung des Pentagondodekaeders. In antiken Grabungsstätten wurde der würfelförmige Metallgegenstand gefunden; in rund 50 Exemplaren ist er auf die Gegenwart gekommen. Das antike Schrifttum liefert keinerlei Aufschluss.

Ganz zuletzt wirft die Schau noch die Frage auf, welche heute geläufigen Alltagsgegenstände möglicherweise in Zukunft außer Gebrauch geraten könnten. Der Besucher ist eingeladen, seine Ideen schriftlich festzuhalten. Einigen Vorschlägen wie der Schultafel, dem Füllfederhalter oder dem Buch ist diesbezüglich eine gewisse Plausibilität nicht abzusprechen. Andere Kandidaten für ein Museum der ausgemusterten Alltagsdinge – etwa das Handy oder die Klobrille – wollen da weniger überzeugen.

Badisches Landesmuseum, Schloss, Karlsruhe. Bis 5. Aug., Di bis So 10–18 Uhr.