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12. Juli 2010

Kunst auf dem Bauzaun

Street Art und Grafitti, glubschäugige Aliens und der Geruch der Sprühfarbe: Beim Kunstfestival "Art-Burg" hinterlassen junge Künstler ihre Spuren in Freiburg.

  1. In Aktion: Jasmin Siddiqui von Herakut am Freiburger Bauzaun Foto: Michael Bamberger

Sprühlack auf Bauzaun: Vor der ehemaligen Unibibliothek ist seit dem Wochenende Freiburgs wohl längstes Kunstwerk zu bewundern. Im Zentrum, mit Blick auf das Stadttheater, stehen die alienhaft glubschäugigen Figuren des Künstlerduos Herakut. Jasmin Siddiqui, die sich Hera nennt, und Falk Lehmann, Akut, geben selbst beim gemeinsamen Malen ein interessantes Bild ab. Jasmin Siddiqui streicht mit dicken Pinseln schnell dünne Farbe über ihre rohen Skizzen, zieht krakelige, neon-orangene Buchstaben mit Schwarz nach. Gleichzeitig kümmert sich Falk Lehmann um die Kleinigkeiten. Er sprüht zum Beispiel die Pupillen der Figuren durch eine Schablone auf und gibt ihnen fotorealistische Gesichtszüge. Herauskommt, was die beiden als perfekte Symbiose aus rotziger Street Art und detailverliebtem Realismus bezeichnen.

Anfang der 90er haben sie mit Graffiti begonnen – damals noch jeder für sich. Seit 2004 arbeiten sie als Herakut zusammen und haben Ausstellungen von London bis Mexico City. Nach Freiburg sind sie von der Uni, den ZMF-Veranstaltern und der Galerie Springmann zum dreitägigen Kunstfestival "Art-Burg" eingeladen worden. Herakuts Bauzaun-Figuren halten eine gemalte Wäscheleine, an der T-Shirts, die ein oder andere Socke und ein BH hängen. 18 junge Freiburger gestalten im Workshop von Andreas von Chrzanowski mit dem Künstlernamen Case diese Kleidungsstücke.

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"Es ist toll, wenn die jungen Leute ein Teil von so einem großen Kunstwerk sein können", findet Andreas von Chrzanowski. Gerade hat er auf der Berliner Modemesse Bread and Butter eine Graffiti-Performance für Ralph Lauren gemacht, beim Bauzaun hält er sich mit seiner eigenen Kunst zurück. "Die Arbeit der Jugendlichen soll authentisch sein", sagt er. Dass nichts vorgegeben ist, gefällt Emily Heisler und Noma Obaseki (beide 13) besonders gut. Ihre T-Shirts knallen in Gelb und Schwarz auf dem weißen Hintergrund. Auf der anderen Seite des Herakut-Bildes, ohne Wäscheleine, malen die Freiburger Graffiti-Künstler wie Zoolo, Beat und Dust. Der Schweiß perlt unter den Kappen hervor, der Geruch der Sprühfarbe in der prallen Sonne macht schlapp. Einer gratuliert Falk Lehmann zum Erfolg mit Herakut. "Wir haben viele vernünftige Leute in Freiburg, die so was respektieren", sagt er. Falk Lehmann nennt das "szene-typisches Beschnuppern". "Die Sprayer sehen ja, dass das, was wir machen echt und ehrlich ist", sagt Lehmann. Die Werke der lokalen Maler stehen jedes für sich.

Außer der Urban-Art-Aktion am Bauzaun gehörte noch eine Performance und Ausstellung beim Uni-Sommerball im Eingangsbereich des Konzerthauses mit Herakut, Oliver Rath, NewYorkLovesMe (NYLM), Schmelz und dem allgegenwärtigen Stefan Strumbel zum Kunstfest. Sonntagabend feierten die Künstler im Spiegelzelt des ZMF mit weiteren Performances Abschied. Was vorerst bleibt, ist die Ausstellung "letzte zweifel" in der Galerie Springmann mit Werken von Hera-kut, Stefan Strumbel und Schmelz.

Mit vierundzwanzig Stücken bestimmt aber Herakut das Bild. Ihr ganzer Witz kommt hier erst heraus. Ihre Sprüche, auf Englisch, manchmal gereimt, aber immer Denkanstöße gebend, bestimmen alle ihre Werke. Auf einem Bild von zwei Personen, eine davon mit glitzernden Steinchen im Gesicht, heißt es etwa: "And Damien? He covered his face with diamonds to make sure he is worth anything" in Anspielung auf Damien Hirsts mit Hunderten von Diamanten besetzten Totenschädel. Jasmin Siddiqui und Falk Lehmann setzen sich besonders intensiv und kritisch mit der Kunstszene auseinander. Eine Materialcollage heißt zum Beispiel: "Die Kunst ist eine Religion ohne Nächstenliebe". Für Liebhaber intelligenter junger Kunst ist der Besuch der Ausstellung in der Galerie Springmann eine Pflicht.

Autor: Sarah Nagel