Literatur & Vorträge

Lesereihe "Wintergäste reloaded" hat mehr als 1000 Besucher angelockt

Michael Baas

Von Michael Baas

Di, 12. Februar 2019 um 09:22 Uhr

Lörrach

Großer Erfolg: "Solaris" setzt den Schlusspunkt der Lesereihe Wintergäste reloaded, deren sechs Produktionen mehr als 1000 Besucher anlockten.

Hoffnungen habe ich keine mehr, wenn dann Erwartungen. So bilanziert der Psychologe Kris Kelvin gegen Ende der von Marion Schmidt-Kumke realisierten Lesung von Stanislaw Lems Roman "Solaris" die Expedition auf den jenseits des Sonnensystems gelegenen Planeten Solaris und die Begegnung mit dem da lebenden Wesen – ein Trip, der zwar in die unermessliche kosmische Weite vorstößt, aber vor allem auf den inneren Kosmos der Protagonisten blickt und darüber eine Zivilisationskritik entfaltet. Diese setzte am Sonntag im Lörracher Werkraum Schöpflin einen Schlusspunkt unter die vierte Ausgabe der Wintergäste reloaded.

Die Antworten bleiben offen

Die dramaturgisch geschickt in erzählende und dialogische Passagen gegliederte, stark komprimierte Textfassung des 1961 erstmals erschienenen Romans erzählt von einem Außenposten auf dem Planeten Solaris. Im Zentrum stehen Kris Kelvin, der Kybernetiker Snaut sowie Kelvins frühere Frau Harvey, die Suizid beging. Sie geistert als sphärische Reinkarnation durch die Raumstation. Doch ist sie Produkt von Kelvins Einbildung, eine Manifestation verdrängter Schuldgefühle oder ein psychedelisches Phantasma, ein Manipulationsversuch, den das Solaris bevölkernde Wesen stimuliert? Solche Fragen stellen sich. Die Antworten aber bleiben offen. Die Kommunikation mit dem ozeanischen Subjekt misslingt Kelvin so wie dem kauzigen Snaut und dem ganzen Team des Außenpostens.

Fremdes nur als ein Spiegelbild des Bekannten

Obwohl Vertreter der wissenschaftlichen Avantgarde der Erde verfallen sie in xenophobe Bunkermentalität und kriegerische Selbstverteidigungspläne. Das wirkt so bedrückend wie bekannt – zumal der Text das Verhaltensmuster verknüpft mit der Unfähigkeit, Fremdem unvoreingenommen zu begegnen. Stattdessen sind die Figuren festgelegt auf das Bekannte, akzeptieren Fremdes nur als Spiegelbild ihrer Welt und ihrer selbst. Das ist zwar eine im sozialistischen Polen um 1960 entstandene Fantasie Lems, aber ein bis heute bedenkenswerter Beitrag zu den Debatten um das Fremde, um Zuwanderung und Identität. Mit geschickten Lichtwechseln, einer an die monotonen Grundtöne klassischer indischer Musik erinnernden elektronischen Soundcollage (Hannes Kumke), die das dramatische Knistern während der Dialoge dezent verstärkt, und dem emphatischen in die Figuren schlüpfen der Lesenden (Urs Bihler, Christian Heller, Doris Wolters) war diese "Solaris"-Lesung ein abschließender Höhepunkt der Reihe – ohne dass die anderen fünf Produktionen verblassen.

Im Gegenteil. Bereits die Auftaktlesung, Christas Wolfs "Medea" und deren Verteidigung als starke, aufrechte Frau gegen das im Mythos gezeichnete Bild beleuchtete eindrucksvoll weniger bekannte Facetten eines osteuropäischen Kosmos’, den diese vierte Ausgabe der Reihe seit der Neukonzeption in Regie des Werkraums Schöpflin ins Zentrum gestellt hat. Dass der Bogen dabei geographisch sowie zeitlich weit und subjektiv war, tat der Sache keinen Abbruch. Im Gegenteil. Ob Gogol oder Roth – immer wieder gelang es, Literatur als einen auch mit der Distanz von Jahrhunderten noch tauglichen Seismographen gesellschaftlicher Entwicklungen zu präsentieren.

Seismographischer Spürsinn

Einen besonderen seismographischen Spürsinn offenbarte da auch Yannick Zürcher mit der auf Texten Daniil Charms basierenden Collage "Jeleswijeta Bam. Dialogisches. Fetzen". Die in den 20er- und 30er Jahren zu Sowjetzeiten entstandenen Textsplitter komponierte der Gastdramaturg in schrillen Bildern – vom Salat verschlingenden Onkel bis zum Monolog mit Vampir-Gebiss – zu einem skurrilen Panorama der sowjetischen Gesellschaft, das ziemlich unbekannt sein dürfte: anarchisch, impulsiv, roh, einem Hang zum Rauschhaften, aber auch geprägt von Repression, Verfolgung, Ängsten vor Verhaftung und einer Flucht in groteske, absurde Welten samt existenziellen Quatsch à la Sätzen "ich rede, um zu sein." Auch hier fremdelt einer mit sich und der Welt.

Die Reihe bleibt eine Domäne der sehr reifen Generationen

Der 33-jährige Gastdramaturg – ein Ansatz, der nicht zuletzt Türen zum jüngeren Publikum öffnen soll – montierte diesen Stoff zu einem theatralischen Kaleidoskop, das er anreicherte mit surrealen Dialogen, musikalischen Folkloreeinlagen auf der Ziehharmonika oder clownesker Slapstick. So geriet die Produktion zum überzeugenden Beispiel dafür, dass die Form der inszenierten Lesung Spielräume weit jenseits traditioneller Autorenlesungen eröffnen kann. Tatsächlich reichte das Spektrum da heuer vom klassischen Vorlesen über das installative Rollenspiel der "Medea" oder die dialogische, mittels Musik zusätzlich dramatisierter Performance ("Solaris") bis zu diesem sketchartigen Kammerspiel.

Die insgesamt sechs Produktionen zeigen zudem, dass es nach wie vor ein Publikum für diese Rezeptionsform schöner Literatur gibt. Unter dem Strich verbuchte die Reihe in den zehn Veranstaltungen mehr als 1000 Besucher und Besucherinnen. Der Altersschnitt aber war durchweg hoch. Dagegen ist an sich nichts zu sagen – zumal in einer alternden Gesellschaft. Dennoch dürfte darin für eine Kulturveranstaltung, die den Anspruch erhebt, auch jüngere Publikumsschichten zu erreichen und dabei neue Wege versucht – wie die jungen Gastdramaturgen –, ein gewisses Problem und eine gewisse Sprengkraft liegen. Angesichts der Qualität dieser vierten Ausgabe bleibt in Anlehnung und Umkehrung des eingangs erwähnten Satzes von Kris Kelvin aus Lems "Solaris" da nur: Erwartungen gibt es keine, aber Hoffnungen.