Adolf Muschg

LESESTOFF: Große Sprachkraft, leichte Hand

Stefan Volk

Von Stefan Volk

So, 12. August 2018

Literatur & Vorträge

In "Heimkehr nach Fukushima" stattet Adolf Muschg seinem Sehnsuchtsland Japan abermals einen literarischen Besuch ab. Vor dem Hintergrund einer radioaktiv verseuchten Landschaft erzählt der 84-jährige Schweizer eine ebenso brisante wie zeitlose Liebesgeschichte.
Alles beginnt mit einem Brief, den der im badischen Zähringen (einer fiktiven Freiburg-Variante) lebende Architekt und passionierte Schriftsteller Paul Neuhaus von einem japanischen Paar erhält. Ken-Ichi und Mitsuko sind flüchtige Bekannte, zu denen Paul und seine Lebensgefährtin Suzanne seit fast zwanzig Jahren keinen Kontakt mehr hatten. Jetzt laden die beiden sie nach Japan ein, da Mitsukos Onkel, der Bürgermeister eines kleinen Dorfes in der Nähe des Unglücksmeilers Daiichi, die Rückbesiedlung mit Hilfe einer internationalen Künstlerkolonie vorantreiben möchte.
Anders als von der Regierung gewünscht, weigern sich die meisten Dorfbewohner nämlich, in die verstrahlte Zone zurückzukehren.

Und weil das auch Suzanne zu gefährlich ist, steigt Paul alleine in den Flieger; im Handgepäck einen Erzählband des Biedermeier-Dichters Adalbert Stifter.
Er liest aus den "Nachkommenschaften", in denen ein Maler ein Moor verewigen möchte, das trockengelegt werden soll, weil ihm krankmachende Dämpfe entsteigen. Im blauen Schutzanzug und mit knisterndem Geigerzähler durchwatet Paul eine nuklear verstrahlte, postapokalyptische Landschaft, in der sich Stifters Moor ebenso widerspiegelt wie die entvölkerten Städte diverser Science-Fiction-Thriller.
Begleitet wird der 62-Jährige bei seinen Expeditionen in die "untoten" Dörfer von der 25 Jahre jüngeren Mitsuko. Muschg, der 2011, kurz nach der Reaktorkatastrophe, gemeinsam mit seiner japanischen Ehefrau nach Fukushima reiste, lässt die beiden am menschenleeren Strand unweit der Reaktorruinen nicht nur symbolisch miteinander verschmelzen.

Alles oszilliert, flattert, flackert in diesem surrealen, grotesken, allegorischen und mächtig politischen Roman. Debatten um die Gefahren der Atomkraft, die Entschädigungs- und Rücksiedlungspolitik der japanischen Regierung verwebt der ehemalige Literaturprofessor Muschg mit Anekdoten, die bis hinein in die Zeit der Samurai reichen. Mit großer Sprachkraft und leichter Hand knüpft er einen filigranen Text wie ein Spinnennetz, in dem sich Protagonisten und Leser gleichermaßen verfangen.
Stefan Volk
Adolf Muschg, Heimkehr nach Fukushima, C.H. Beck, 244 Seiten, 22 Euro