Licht in der Moll-Düsternis

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Di, 27. April 2010

Klassik

Der Motettenchor Lörrach mit Joseph Haydns "Missa in angustiis" in der Kirche St. Peter in Lörrach.

Es ist viel spekuliert worden, wie Joseph Haydns "Missa in angustiis" d-Moll zu ihrem Beinamen "Nelsonmesse" kam. War es der Sieg Admiral Nelsons über Napoleon, der in den triumphierenden Trompeten- und Paukenklängen und im kraftvollen Dank- und Jubelgesang des Benedictus "gefeiert" wird? Immerhin galt Haydn als Verehrer Nelsons. Oder ist es rein sakral zu deuten als Ausdruck der Überwindung von Not und seelischem Leid? Auf jeden Fall ist Haydns bekannteste Messe ein außergewöhnliches Werk, das vom Motettenchor Lörrach bei der Aufführung in der Kirche St. Peter in Lörrach überaus spannungsreich gestaltet wurde.

Unter der Leitung von Stephan Böllhoff schöpfte der wunderbar klar singende Chor das Ausdrucks- und Gefühlsspektrum dieser "Messe in Not und Bedrängnis" sehr differenziert aus: von den innig-flehenden Passagen bis zu den aufstrahlenden Stellen im Sanctus und Gloria, die Licht und Helligkeit in die Moll-Düsternis bringen. Mit plastischer Stimmführung, bewegtem Chorklang und enormem Schwung werden diese mächtigen Chorpartien gesungen etwa im kontrapunktisch durchgeformten Credo oder im kraftvollen Benedictus. Ebenso eindrücklich gelangen dem Motettenchor die zart und subtil zurückgenommenen Passagen im Wechsel mit den Soli. Eine besonders anrührende Stelle war im "Qui tollis", wo der Chor das "miserere nobis" meditativ und ergreifend sang. Ähnlich eindringlich und in schmerzlicher Intensität erklang auch das Crucifixus.

Durch das straffe Dirigat und die zügigen Tempi, die Stephan Böllhoff vorlegte, ergab sich ein spannungsvolles, aufgelichtetes und dynamisch durchpulstes Haydn-Klangbild, in dem sich der Ernst dieser Musik ebenso überzeugend entfalten konnte wie die innehaltenden Momente und die enorme Wirkungskraft der signalhaften Klänge im Kyrie und Benedictus. Dabei standen dem Dirigenten neben seinem tadellos und überaus engagiert singenden Chor ein stimmlich bestens harmonierendes und stilistisch kundiges Solistenquartett zur Verfügung: Die Sopranistin Claudia Götting beeindruckte mit klaren Soprankoloraturen im Kyrie und leuchtend aufstrahlender Stimme im Gloria, wo ihr Gesang von großer Wärme und bewegendem Ausdruck erfüllt war. Mit ruhigem Atem sang sie ihre Partie im zarten empfindsamen Et incarnatus. Der würdevoll deklamierende Bassist Manfred Plomer entfaltete im Qui tollis balsamischen Wohllaut und strömendes Melos. Die souveräne Altistin Heike Werner mit ihrem Timbre und der schlank singende Tenor Florian Cramer fügten sich homogen in das Solistenensemble. Auch von der Besetzung her mit Streichern, Trompeten, Pauke und Orgel ist die Nelsonmesse interessant. Das Orchester des Motettenchors und Herbert Deininger an der Orgel trugen durch ihr dynamisches Spiel und markante instrumentale Stimmen viel zur effektvollen klangfarbigen Wirkung dieser Nelsonmesse bei.

Ergänzt wurde die "Missa in angustiis" durch zwei weitere Vokalwerke des Wiener Klassikers: Sehr selten hört man "The Storm", ein dramatisches Tongemälde, das anschaulich ein Unwetter, heulende Winde, krachenden Donner und schließlich die Bitte um Ruhe schildert. Wie tonmalerisch-plastisch der Motettenchor und das Orchester dieses Naturbild beschwören und die besänftigenden Passagen des Choralgesangs schwebend und transzendent gestalten, war großartig. In klangprächtigem Lobgesang klang das Konzert mit Haydns "Te Deum" aus, von Böllhoff und seinen Ausführenden mit sicherem Gespür für die gewaltigen Steigerungen interpretiert. Großer, lang anhaltender Beifall nach diesem dreifachen Haydn-Ereignis!