Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

24. März 2010

Bücher wie Berge

Der Literaturkritiker Denis Scheck in Rheinfelden.

  1. Denis Scheck Foto: Roswitha Frey

Lesetisch und Bühne biegen sich schier vor lauter Bücherstapeln. Fast scheint Denis Scheck hinter den Buchrücken zu verschwinden. Direkt von der Leipziger Buchmesse angereist, stellte der Literaturkritiker aus Köln in Schätzles Keller in Rheinfelden humorvoll, witzig und geistreich Neuerscheinungen dieses Bücherfrühlings vor. Er gab Tipps, was er für lesenswert hält, redete aber genauso offen und ironisch Klartext über schlechte Bücher, die er niemandem guten Gewissens empfehlen kann.

Schließlich sei ein Literaturkritiker kein Heizdeckenvertreter, der alles querbeet anpreist. Daher hält Denis Scheck auch nicht viel von der pauschalen Parole "Lesen, Lesen!", sondern plädiert mehr für "gutes Lesen". So beginnt er seinen unterhaltsamen Streifzug durch die Literaturszene erst mal mit "abschreckenden Beispielen" – etwa der Autobiografie des Rappers Bushido: "Das hätte auch auf einer Seite Platz gehabt...". Ziemlich vernichtend fällt auch sein Kommentar über Helene Hegemanns heiß diskutierten Roman "Axolotl Roadkill" aus, der wegen der Plagiatsvorwürfe für Wirbel sorgt.

Werbung


Dann wendet sich der Moderator der Fernsehsendung "Druckfrisch" den Autoren zu, die er den Literaturfreunden nahe legt: etwa Harry Rowohlt, der so wunderbar Kolumnen schreiben kann ("Kolumnen sind eine aussterbende Tierart..."), Sein Lieblingsautor ist aber Arno Schmidt, dessen "Zettels Traum" der Versuch sei, James Joyce zu überbieten: "Einer der größten Romane der Gegenwart, aber beileibe nicht für jeden".

Doch auch andere spielen in dieser "Champions-League-Klasse". Endlich mal vernünftige Unterhaltungsliteratur, die mit den Besten des Genres wie Robert Harris konkurrieren kann – so lobt Scheck den in der Zukunft spielenden Roman "Limit" von Frank Schätzing. Und wenn er Werke für besonders herausragend hält, vergleicht er das schon mal mit dem Mount Everest. Solche Gipfel markieren für ihn "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace, eine Mischung aus Science Fiction und Familienroman, und "2666" von Roberto Bolaño über unerklärliche Morde an jungen Frauen in Mexiko. "Das ist Weltliteratur, ein sensationelles Lese-Erlebnis".

Scheck, der in Sachen gutes Buch durch die Welt jettet und in der Reihe "Arche Paradies" literarische Delikatessen abseits der gängigen Kategorien herausgibt, hat eine durchaus subjektive Auswahl getroffen. Dazu gehören Dieter Kühns neues Buch "Ich war Hitlers Schutzengel" und "Das Eigentliche" von Iris Hanika: Das sei ein Buch, das in vermintes Gelände führe, "Dynamit zwischen zwei Buchdeckeln". In seiner persönlichen "Bestenliste" finden sich aber auch neue Lyrik und Bücher über kulinarische Themen, für die Scheck ein besonderes Faible hat - etwa die Memoiren von Vincent Klink, die auch eine kulinarische Geschichte der Bundesrepublik erzählen. So glaubwürdig Scheck über Bücher urteilt, so ehrlich und eloquent plaudert er darüber, wie man als professioneller Bücherleser die Spreu vom Weizen trennt.

Autor: Roswitha Frey