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02. Oktober 2010

Der kommunistische Dandy

PETER HACKS II: Die Essays des Schriftstellers preisen die klassische Kunst.

An geistesaristokratischer Arroganz war dieser Dichter kaum zu überbieten. Als seine politische Wahlheimat, die DDR, kollabierte, verbreitete er die Mär von einer geheimdienstlichen Verschwörung wider die sozialistische Vernunft. Der Dramatiker und Lyriker Peter Hacks (1928–2003) war der unberechenbarste Schriftsteller der DDR, ein kommunistischer Dandy, der sich von den Hofschranzen der SED-Kulturpolitik ebenso scharf abgrenzte wie vom Dissidententum jener utopischen Sozialisten, die an die demokratische Reformierbarkeit ihres Staates glaubten. Wegen seiner DDR-Apologetik und seinem fortgesetzten Kokettieren mit dem Stalinismus ist dieser Autor auch sieben Jahre nach seinem Tod eine Reizfigur geblieben. Es gibt indes auch einen Hacks-Kult, der keineswegs nur von den intellektuellen Parteigängern der Linkspartei betrieben wird, sondern auch von einem bekennenden Konservativen wie Martin Mosebach, der Hacks’ Poetik des Klassizismus huldigt.

Die stilistische Brillanz des Peter Hacks lässt sich nun an der Gesamtausgabe seiner Essays studieren, die einer seiner eloquentesten Hagiographen, der Schriftsteller Dietmar Dath, mit einem devoten Nachwort versehen hat. Es gehört zu den Kuriosa der Hacks-Rezeption, dass diese Edition seiner Essays bereits zum dritten Mal innerhalb von fünfzehn Jahren veranstaltet wird. 1996 legte die Hamburger Edition Nautilus erstmals die komplette Sammlung der Essays vor. 2003 folgte dann die offizielle Hacks-Werkausgabe der Eulenspiegel Verlagsgruppe, die den Textbestand von 1996 um eine boshafte Polemik Hacks’ zur Romantik erweiterte.

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Was der Suhrkamp-Verlag unter dem Titel "Die Maßgaben der Kunst" vorlegt, ist nichts anderes als ein Reprint der Gesamtausgabe von 2003, die seinerzeit nicht die Beachtung fand, die ein Autor dieses Formats eigentlich verdient hätte. Ob Hacks durch den 1300 Seiten starken Suhrkamp-Band zu einem kanonischen Autor nobilitiert werden kann, bleibt indes zweifelhaft.

Seine brillanten Provokationen des politischen Zeitgeists wirken in ihrer linksfundamentalistischen Verblendung vermutlich zu inkorrekt, um bei den Gralshütern des Literaturbetriebs auf Zustimmung zu stoßen. Wer sich jedoch von seinen oft sehr angestrengten Lobhudeleien auf den SED-Staat nicht irreführen lässt, wird einen Autor entdecken, dessen theaterästhetische und literaturkritische Kunstfertigkeit geradezu atemberaubend ist. Wenn Hacks zur Beweisführung ansetzt, dass die sozialistische Kunst der DDR ihren Widersachern aus der kapitalistischen Sphäre weit überlegen ist, wirkt das meist nur abstrakt und verstaubt.

Aber sein polemischer Esprit produziert, vor allem in seinen Aufsätzen zur Romantik, Meisterstücke der Essayistik, an die keine zeitgenössische Studie zum Thema heranreicht. Die Selbstverständigungen des Essayisten Hacks ziehen klare Frontlinien: Als unerreichte Vorbildfiguren rühmt er Goethe, Hegel und Heine – dagegen disqualifiziert er die Romantiker und ihr Umfeld, vor allem ihre subjektivistischen Nachfolger in der literarischen Gegenwart, als Inkarnationen eines fortdauernden ästhetischen Schwächeanfalls. "Die Maßgaben der Kunst": Dieser Titel ist auch als entschlossenes Bekenntnis zum Regelwerk der Klassik und zu ihren poetischen Intentionen zu lesen. Das Glanzstück in der Reihe von kunstvollen Romantik-Verrissen bildet die Sottise wider den "Meineiddichter" Friedrich Schlegel ("vielleicht der schlechteste Dichter, den wir je hatten"). An Schlegels Beispiel geißelt Hacks die dünnen ästhetischen Grundlagen der romantischen "Schwätzerdialektik": ihre Geringschätzung der Form, ihren Fragmentarismus und ihren wankelmütigen Radikalismus, der in einem Kniefall vor der kapitalistischen Welt endet. Gegen die "Migränetypen" der Romantik mobilisiert Hacks den weltweisen Goethe und sein Traditionsbewusstsein. In einer Anmerkung zu Arno Schmidt hat Hacks ein Selbstporträt als souveräner Solitär versteckt: "Was diesen Schriftsteller befähigt, ins Aschgraue hinein so glanzvoll zu schreiben, ist der Entschluss, sich als der zu setzen, der Recht hat, und alle Mitmenschen als die, die Unrecht haben. Was ich sage, sagt er, stimmt: es ist das Jahrhundert, welches insgesamt irrt." Diesen Furor, gegen das kapitalistische Zeitalter noch auf verlorenem Posten Recht zu behalten, hat der Dichter Peter Hacks zur Virtuosität entwickelt.

– Peter Hacks: Die Maßgaben der Kunst. Mit einem Nachwort von Dietmar Dath. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2010. 1302 Seiten, 64 Euro.

Autor: Michael Braun