Die wahre Geschichte ist die der Familie

Harald Loch

Von Harald Loch

Mi, 05. September 2018

Literatur & Vorträge

SACHBUCH: Der französische Soziologe Emmanuel Todd baut an einem eigenen Modell historischer Erklärung.

Geschichtsschreibung ist zunächst die Darstellung dessen, was in der Vergangenheit gewesen ist. Wenn sie über die Chronologie der Ereignisse hinausgeht, versucht sie Zusammenhänge herzustellen, Ursachen und Wirkungen aufzuzeigen. Hierbei kann es von Vorteil sein, das Geschehen aus einem besonderen Blickwinkel darzustellen und zu beurteilen. Insofern ist das neue Buch des französischen Soziologen Emmanuel Todd ein interessanter Ansatz. Er stellt die Familienstrukturen in den Vordergrund der "Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zum Homo americanus", die der Untertitel verheißt. Er folgt dabei seiner in Cambridge entwickelten Vorliebe für eine "historische Anthropologie". Ob die Voraussetzungen dieses Faches mit seinen eigenen Methoden auch geeignet sind, eine schlüssige "anthropologische Historiographie" zu stützen, ist die spannende Frage.
Die Familienstrukturen sind den Menschen nicht bewusst

Ausgehend vom homo sapiens und der Urstruktur der Kernfamilie, bestehend aus lediglich den Eltern und den Kindern, die sie im Erwachsenenalter verlassen, entwickelt Todd die einzelnen Familienstrukturen. Zu ihnen rechnet er – mit verschiedenen Untergliederungen – außerdem die Stammfamilie, in der meist die ältesten Söhne im Elternhaus bleiben und es zu Haushalten mit drei Generationen kommt, sowie die kommunitäre Familie, zu der auch die Geschwister gehören. Weitere Unterteilungen ergeben sich aus den erbrechtlichen Vorgaben mit den Varianten Erstgeburtsrecht, Testierfreiheit und egalitäre Gleichbehandlung. Die Eheschließungen erfolgen entweder nach endogamen Regeln mit der bevorzugten Heirat zwischen Cousins und Cousinen (im muslimischen Raum) oder nach exogamen Regeln. So entsteht eine Vielzahl von Varianten.

Für seine Gesamtbetrachtung der Geschichte stellt Todd drei Schichten fest: Die bewusste Ebene, auf der es um die ökonomischen Zusammenhänge, um Kriege oder Verträge geht. Auf der unterbewussten Ebene verfolgt Todd die Entwicklung von Kultur und Bildung und schließlich auf der unbewussten Ebene die Veränderung der Familienstrukturen. Er fasst dabei seine Feststellungen in einem interessanten Schema zusammen, das ihm zur Erklärung mancher historischen Paradoxien dient: Die einzelnen Ebenen entwickeln sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und haben verschieden lange Wirkungsdauern.

Für die Familienstrukturen rechnet Todd mit einer "longue durée" von 5000 Jahren (seit Sumer, für ihn der Beginn der durch schriftliche Aufzeichnungen belegten Geschichte), für die Bildung mit Zeiträumen von 500 Jahren (seit der Erfindung des Buchdrucks und der lutherischen Reformation) und für die bewusste Ebene mit Sprüngen von 50 Jahren (seit dem Beginn der Globalisierung, des Freihandels und des weltweiten Finanzkapitalismus). Religionen überlappen diese Schichtung. Für deren Entwicklung und Erschlaffung setzt Todd zweieinhalb Jahrtausende an.

Zu jeweils historischen Zeiten befinden sich die verschiedenen Ebenen nun in unterschiedlichen Entwicklungsstadien, und die verschiedenen Ausprägungen der fortwirkenden Familienstrukturen führen zu einer historischen Unübersichtlichkeit, die Todd aber zu erklären verspricht. So begibt sich der auch polemische Auseinandersetzungen nicht scheuende Autor auf einen atemberaubenden Ritt durch die Vergangenheit.

Todd sortiert einzelne Gesellschaften nach ihren überkommenen Familienstrukturen und ordnet ihnen ausgewählte historische Ereignisse zu. In Deutschland und dem germanischen Norden Europas macht er zum Beispiel die autoritäre Stammfamilie aus (in der gewöhnlich der älteste Sohn der Alleinerbe ist) und erklärt aus ihr die Reformation. Für das Pariser Becken stellt er eine Vorherrschschaft der egalitären Kernfamilie fest (in der das Erbe gleichmäßig auch in der Verwandtschaft verteilt wird) – eine der historischen Voraussetzungen für die Französische Revolution. Im angelsächsischen Raum hatte sich frühzeitig die Struktur der absoluten Kernfamilie (aus einem Ehepaar und seinen Kindern) durchgesetzt, die Todd als Hinwendung zur anthropologischen Urform menschlichen Zusammenlebens beurteilt und der er die günstigste Prognose stellt.

In zahlreichen Tabellen und Grafiken verzeichnet Todd Korrelationen zwischen Familienstrukturen und gesellschaftlichen oder politischen Entwicklungen. Er trennt sie aber nicht immer scharf von Kausalzusammenhängen. Das führt manchmal zu willkürlich erscheinenden Schlüssen. So fügt der Autor die im Einzelnen interessanten und manchmal überraschenden Befunde mit eigenwilliger Urteilskraft zu nicht immer überzeugenden Ergebnissen.

Für die Gegenwart rückt er die unterschiedlichen Bildungsfortschritte und die Geburtenentwicklung in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. In beiden Kategorien schneiden Deutschland und einige andere Länder mit einer von dem Typ Stammfamilie geprägten Gesellschaft eher schlecht ab. Er bewundert einerseits die Dynamik Deutschlands und sieht andererseits schwarz für das Land wegen der geringen Geburtenrate. Da liegt Deutschland abgeschlagen mit 1,4 Kindern pro Frau auf einem der hinteren Plätze, Frankreich mit 2,0 an der Spitze Europas. Hier müsste der Historiker dem Soziologen zu Hilfe kommen. Denn bei gleichen Familienstrukturen war die Geburtenrate in Frankreich um 1900 geringer als in Deutschland. Das lässt die hohe Abhängigkeit der Geburtenrate von der Familienstruktur, die Todd behauptet, oder auch die lange Dauer dieser Strukturen zweifelhaft erscheinen.

Emmanuel Todd: Traurige Moderne. Eine Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zum Homo americanus. Aus dem Französischen von Werner Damson und Enrico Heinemann. Verlag C. H.Beck, München 2018. 537 Seiten, 29,95 Euro.