Existenzialistische Daseinsfragen

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Do, 30. August 2018

Basel

Hans Platzgumer eröffnet die Riehener Literaturinitiatve Arena.

Wie "ein weißes Blatt Papier" fühlt sich die Hauptfigur des neuen Romans "Drei Sekunden Jetzt" von Hans Platzgumer. Dieser Francois ist ein Findelkind, weiß nicht, wie er wirklich heißt, wer er ist, woher er stammt, kennt seine Eltern nicht. Zur Saisoneröffnung der Literaturinitiative Arena in Riehen las der österreichische Schriftsteller aus diesem im Frühjahr erschienenen Buch, das existenzielle Fragen nach Herkunft, Identitätssuche und Lebenssinn aufwirft.

Es ist ein Kaspar Hauser-Motiv, das der in Wien lebende Autor, Musiker und Theaterkomponist ins Heute überträgt. Sein Francois ist ein Entwurzelter, der sich ziellos und haltlos durchs Leben treiben lässt, ein manischer Spieler am Flipperautomaten, ein Hallodri, der sich in kriminelle Machenschaften verwickeln lässt. Im Kellertheater im Haus der Vereine stellte Platzgumer das Anfangskapitel vor, in dem beschrieben wird, wie Francois als Kleinkind in einem Einkaufswagen in einem Supermarkt ausgesetzt wird. Das Findelkind landet erst im Waisenheim, dann in der Obhut von Adoptiveltern. Doch als junger Erwachsener reißt er aus von Marseille nach New York, wo er eine Frau trifft, der er nach Montreal folgt. Dort, im kanadischen Winter, ist Francois auf sich zurückgeworfen, ohne Geld, ohne Bleibe, in der Kälte der Existenz.

Als weitere wichtige Figur führt Platzgumer Lucy ein, ein Mädchen, das auf einer Müllhalde ausgesetzt wurde, weggeworfen, schutzlos einer unbarmherzigen Welt ausgeliefert. Doch Lucy ist ein starker Charakter und stemmt sich gegen dieses Schicksal. Bei aller Tragik und allen existenzialistischen Daseinsfragen à la Sartre, die in dem Buch mitschwingen, lässt es sich auch wie ein Abenteuer- und Großstadtroman lesen. Im Grunde, so der Autor im Gespräch mit Wolfgang Bortlik, geht es "um dieses ständige Kämpfen, das man Leben nennt". Als Exklusivbeitrag für das neue Arenaheft hat Platzgumer einen hochaktuellen Text verfasst, in dem er autobiografisch in der Art eines Tagebuchs kritisch über die politische Situation in seiner Heimat nachdenkt, über die Regierung unter Kanzler Kurz, über Rechtsruck und Fremdenfeindlichkeit. Da schreibt einer, der sich Sorgen macht.

Nach diesem eindrücklichen Auftakt stehen in der Saison der Arena weitere spannende literarische Begegnungen an. Als Nächstes liest am 20. September der kurdisch-schweizerische Autor Yusuf Yesilöz aus seinem neuen Roman "Die Wunschplatane" über Menschen aus verschiedenen Kulturen in einer Schweizer Kleinstadt. Darin wirft er, wie es Wolfgang Bortlik ausdrückte, "einen scharfen, aber auch humorvollen Blick auf eine Schweiz, in der das Fremde längst seinen gebührenden Platz eingenommen hat". Yesilöz sei ein "warmherziger Geschichtenerzähler, der in wenigen Worten eine ganze Welt entstehen lassen kann."

Am 25. Oktober ist der elsässische Autor Pierre Kretz zu Gast, der in seinem Text "Ich ben a beesi Frau" über ein schweres, hartes Frauenleben schreibt. Arena-Leiter Valentin Herzog stellt am 29. November seinen zweiten Roman "Das Haus in der Maremma" vor, der im September herauskommt. Wie sein Erstling ist auch dieses Buch in Italien angesiedelt, in der Landschaft zwischen Rom und Pisa. Herzog erzählt die Geschichte eines Mannes, der scheinbar alles hat: Erfolg, Karriere, intakte Familie. Doch als der Ingenieur in Marokko seiner großen Liebe begegnet, zeigen sich Risse in der Fassade des schönen Scheins. Alles, was ihm bleibt, ist das alte, verfallene Haus seines Großvaters, in dem Erinnerungen an früher wach werden.

Im Januar geht es mit Dominic Oppliger, einem jungen Mundartautor der Spoken-Word-Szene, weiter. Und am 17. Februar liest Helen Liebendörfer aus Werken des Liestaler Dichters und Autors Carl Spitteler, der 1919 den Literaturnobelpreis erhalten hat. Es verspricht ein facettenreicher Literaturherbst und -winter zu werden.