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20. August 2011 00:06 Uhr
Literaturmuseum
Hebelhaus in Hausen: Wo der Dialekt dichterisch wurde
Baden-Württemberg hat eine weltweit einzigartige Dichte an literarischen Gedenkstätten. In der BZ-Sommerserie stellen wir heute das Hebelhaus in Hausen vor.
"Sehr gut wäre zeitweilig Hebel." Wer wüsste die Anregung des Schriftstellers Franz Kafka besser zu beherzigen als die Hausener? Schließlich haben sie den alemannischen Theologen, Aufklärer und Dichter Johann Peter Hebel nicht nur zeitweilig, sondern immer. Und wenn nicht ihn, der in seinen Werken, den großartigen "Alemannischen Gedichten" und den so klugen wie abgründigen Kalendergeschichten des "Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreunds", in die heutige Zeit hineinreicht, so doch sein Haus: das im 16. Jahrhundert erbaute verwinkelte Fachwerkhaus, eins der vier ältesten am Ort, in dem der Junge die Hälfte seiner mit dem Tod der Mutter so abrupt endenden Kindheit verbrachte. Im Mai 2010, zum 250. Geburtstag des Dichters, ist aus dem bis dahin liebevoll betreuten Heimatmuseum mit Hebelfolklore ein literarisches Museum geworden, das den Vergleich mit Schillers Geburtshaus in Marbach nicht scheuen muss.
Die Skeptiker in der Gemeinde, die ihren großen Sohn alle zwei Jahre in einem bundesweit einmaligen Fest mit einem Umzug in historischen Kostümen ehrt, dürften inzwischen verstummt sein. Sie mussten Abschied nehmen von der Innenausstattung des Hebelhauses, von seinen historischen Möbeln, die mit Hebel allerdings nichts zu tun hatten. Verloren sind diese freilich nicht: In Sonderausstellungen, von denen die zweite mit dem Titel "Schlafen im alten Hause" heute eröffnet wird, werden die früheren Sammlungen des Hebelhauses unter dem abgewandelten Hebel-Motto "Es isch au kei Sach verlore" von Zeit zu Zeit präsentiert werden.
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Der Erfolg des neuen Museums, dessen Besucherzahl sich im ersten Jahr seines Bestehens im Vergleich zum Vorjahr verzehnfacht hat, spricht für sich – und für die von Thomas Schmidt, dem Leiter der in Marbach angesiedelten Arbeitsstelle für die literarischen Gedenkstätten in Baden-Württemberg, gemeinsam mit dem Stuttgarter Museumsplaner Kurt Ranger erarbeitete Gestaltung des Hauses. Der authentische Ort wurde entrümpelt von allen im Nachhinein zum Dichtergedenken Gesammelten – zu Gunsten der Dinge, die Johann Peter Hebel eindeutig zuzuordnen sind. Zu den wertvollsten Stücken des Museums zählt das Gesangbuch, das Hebels früh am Typhus gestorbener Vater Johann Jacob Hebel, ein gelernter Leineweber, der als Adjutant seinen Basler Dienstherrn Johann Jakob Iselin Rhyiner begleitete, während eines Kriegszugs 1758, drei Jahre vor seinem Tod, in der korsischen Hauptstadt Ajaccio gekauft und seinem Sohn hinterlassen hat. Das Tagebuch des Vaters, an dem Hebel nach eigenen Worten das Dichten gelernt hat, ist als Faksimile ausgestellt.
Zentraler Gegenstand des Hauses ist die in drei Auflagen vorhandene Erstausgabe der "Allemannischen Gedichte", die Hebel, der längst in Karlsruhe als Theologe etabliert war, 1803 schlagartig berühmt machten. Dabei verschweigt die erste Auflage noch schamhaft seinen Namen; bei der zweiten gibt Hebel als seinen eigentlichen Beruf "Professor in Karlsruhe" an. Erst die dritte Auflage etabliert ihn als den inzwischen anerkannten Autor, in dem, wie es Rainer Maria Rilke unnachahmlich formuliert hat, der Dialekt "dichterisch geworden ist". Hebel selbst erfüllte es mit "unbändigem Stolz", dass er seine Sprache "classisch" gemacht habe.
Die in Hexametern und Blankversen an eben diese klassische Tradition anknüpfenden Mundartgedichte, sind, so Kurator Thomas Schmidt, "in dieses Haus adressiert". Fern des Wiesentals, fern von Basel hat sich der Dichter, den die Muse – wie er selbst bedauerte – nur einmal besucht hat, eine Idealheimat in Versen erschrieben. Das grandiose Epos "Die Wiese", eine gänzlich unromantische Hommage an die Landschaft von Hebels Herkommen, wird in einem eigenen Raum umfassend präsentiert: mit Schautafel und – per Knopfdruck – einer Rezitation durch drei verschiedene Sprecher, deren unterschiedliche Ausprägungen des Alemannischen dem Gang der Wiese von der Feldbergquelle bis zur Rheinmündung folgen. Das ist Weltdichtung, was gleichfalls für "Die Vergänglichkeit" gilt: In diesem in der damaligen Zeit und über sie hinaus beispiellosen apokalyptischen Dialog-Szenario verarbeitet Hebel – wenn man das so sagen kann – den jähen Tod der Mutter, dessen Zeuge er auf dem Weg nach Hausen 13-jährig wurde. Ein Trauma für immer.
Die Möblierung des Museums beschränkt sich auf die Bestandteile, die für authentisch gelten können: in der Küche Schüttstein und Herd, in der Wohnstube der Kachelofen und ein Tisch, der aus Hebels Kinderarbeitszeit im Hausener Eisenwerk stammt. An ihm wurde der Lohn ausgezahlt. Halb sind Tisch und Stühle mit Tüchern verhängt, um sinnlich wahrnehmbar zu machen, dass die nach dem Tod von Vater und Schwester auf Mutter und Sohn geschrumpfte Rumpffamilie nur die Hälfte des Jahres hier verbracht hat: Eine doppelte Abwesenheit prägte das Haus. Ein Webstuhl, dessen Gehäuse aus dem 18. Jahrhundert stammt, darf als Erinnerungszeichen für Hebels Vater gelten, der hier aber nie gearbeitet hat.
Im oberen Stockwerk, unterm Dach, kann man sich mit der Geschichte der (Hausener) Hebelverehrung vertraut machen. Im Mittelpunkt steht der 1936 – in der NS-Zeit – gegründete Hebel-Preis, der illustre Preisträger versammelt: etwa Martin Heidegger, Elias Canetti, Albert Schweitzer, Marie-Luise Kaschnitz; zuletzt wurden am 10. Mai, dem Geburtstag Hebels, Arno Geiger (2008) und Arnold Stadler (2010) ausgezeichnet. Sehr gut wäre zeitweilig Hebel: Man sollte in Hausen die Probe aufs Exempel machen.
– Hebelhaus, Bahnhofstraße 2, Hausen. Mi, Sa und So 10-17 Uhr und nach Vereinbarung (Tel. 07622/68730). Heute ab 13 Uhr findet ein Museumsfest zur Eröffnung der Sonderausstellung statt.
Autor: Bettina Schulte


