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26. März 2009

Marlowes Vater

Begründer des literarischen Kriminalromans: Vor 50 Jahren starb der Autor Raymond Chandler.

Als Raymond Chandler beschloss, endlich Schriftsteller zu werden, hatte er schon zwei Drittel seines Lebens hinter sich. Und eine Menge unglücklicher Jahre. Glücklich wurde er nie, aber immerhin blieben ihm bis zuletzt sein Humor und sein Dickkopf: "Mein Gruß an die Nachwelt ist mein Daumen auf der Nasenspitze und die anderen Finger gespreizt".

Der Begründer des literarischen Kriminalromans und Erfinder des Privatdetektivs Philip Marlowe starb vor 50 Jahren, am 26. März 1959, einsam und verlassen an einer Lungenentzündung in einem Hospital im kalifornischen Nest La Jolla: Der Tod seiner geliebten Cissy hatte ihn aus der Bahn geworfen, die Trinkerei geschwächt. Nicht dass sich niemand um den Schriftsteller gekümmert hätte, doch abgesehen von unglücklichen Umständen war sein Abgang so unberechenbar und launisch, wie er eben auch sein konnte, der englische Amerikaner, der Gentleman unter den Thriller-Autoren.

Die Figur Marlowe hat von diesem Zwiespalt einiges abbekommen: "Er befindet sich in der falschen Position, weil ich ihn dort hingestellt habe. Im wirklichen Leben wäre ein Mann seines Typs so wenig Privatdetektiv wie er Universitätsprofessor wäre." Bis heute inspiriert Chandlers Credo einen Wust von meist schlechten Nachahmern, ihm ging es tatsächlich so wie seinem Helden Marlowe, zur richtigen Zeit am falschen Ort.

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In Kalifornien fühlte sich der in England Aufgewachsene nie zu Hause, in Hollywood ganz fehl am Platz, und dennoch wird dem Autor bescheinigt, dass er wie kein anderer Los Angeles und Südwest-Kalifornien in Szene setzte. Doch Chandlers Ehrgeiz war es, den Kriminalroman als Genre zu begründen und zugleich zu revolutionieren. Realistisch sollten Menschen und Geschichten sein, doch als Ich-Erzähler fungierte ein Privatdetektiv, der alles andere als realistisch war, nicht zuletzt, weil er so gut erzählen konnte.

In Chicago geboren nahm ihn die verlassene Mutter mit nach England, wo er am Dulwich College den Abschluss machte. Dichter wollte er schon damals werden und verfasste schwülstige Poesie, eine journalistische Karriere verlief im Sand, die Ausbildung an einer Handelsschule bestimmte seinen weiteren Werdegang. Zurück in den USA brachte es der stets Unzufriedene dank Geschick und Beziehungen in Kalifornien bis zum Vize-Präsidenten einer Öl-Firma. Nach diversen Saufeskapaden und Affären verlor der 44-Jährige seinen Job und setzte seinen Wunsch um, Berufsautor zu werden.

Später gab Chandler zu, dass er nie für Groschenhefte geschrieben hätte, wenn er sie nicht auch gemocht hätte, der belesene Autodidakt kam gleich bei einem der besten sogenannten Pulps unter, dem Magazin Black Mask. 1939, sechs Jahre später, erschien sein erster Roman "The Big Sleep" ("Der große Schlaf"), der seine finanzielle Lage ein wenig verbesserte. Aber um vom Schreiben leben zu können, blieb ihm nichts anderes übrig, als parallel zur Schriftstellerei Drehbücher zu verfassen: Die glänzenden Dialoge in "Farewell, my lovely" (1940) waren auch den Hollywood-Studios aufgefallen. Zwar waren die sieben Jahre dort eine eher unrühmliche Episode, aber ein Meilenstein auf dem Weg zur Berühmtheit.

Raymond Chandler machte nie einen Hehl aus seiner Meinung, weder ließ er an Hollywood ein gutes Haar noch an den eigenen Werken. "Farewell, my lovely" ("Lebewohl, mein Liebling") hält Chandler für sein flottestes und schlüssigstes Buch. "The Long Goodbye" ("Der lange Abschied") dagegen zeigt einen melancholischen und resignierten Marlowe, der dem Treiben um ihn herum nur noch zusehen – oder besser: davon erzählen kann. ". . . wichtig waren mir die Menschen, war mir die seltsame korrupte Welt, in der wir leben, und wie ein Mann, der ehrlich zu sein versucht darin, am Ende mit sentimentalem oder einfach dummen Gesicht dasteht." Sagte Chandler über seinen großen Wurf. Dafür, dass an seinem 50. Todestag die Welt immer noch seltsam korrupt ist, kann er wirklich nichts.
– Vom Zürcher Diogenes-Verlag sind die sieben Romane, Erzählungen, Briefe, Notizbücher und Essays neu aufgelegt worden und die lesenswerte Biografie von Frank MacShane.

Autor: Joachim Schneider