Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
17. Juli 2010
Mein Haus, mein Land, meine Uhr
Gedichte von Said.
Der aus dem Iran stammende Schriftsteller Said lebt seit mehr als vierzig Jahren in Deutschland und schreibt Märchen, Hörspiele sowie – als Exilant, der sowohl dem Persien des Schahs wie dem Gottesstaat der Mullahs den Rücken kehrte – auch politische Texte. Vor allem jedoch ist Said Lyriker. Seine Gedichte sind voll zarter Poesie und (es hilft nichts, das Klischee trifft zu) auch voll orientalisch blühender Phantasie. In welche imaginäre Fernen die ausschweifen kann, deutet sich im Titel eines vor gut zehn Jahren erschienenen Bands mit kurzen Prosatexten an. "Dieses Tier, das es nicht gibt” breitete ein köstliches Bestiarium zwar denkbarer, aber höchst irrealer Tierwesen aus.
An jene Übungen in höherer Vorstellungskraft mit ihren wunderlichen Phantasiegeburten fühlt sich der Leser in Saids aktuellem Gedichtband "ruf zurück die vögel" häufiger erinnert – zumal in den meist kurzen Gedichten des abschließenden, gut die Hälfte des Bandes einnehmenden Kapitels. In den Prosatexten gehörte der Freibrief einer entfesselten, von jedweder Vernunft losgelösten Phantasie sozusagen zur Geschäftsgrundlage. In dem Gedichtband sind die Konditionen andere, und so ist für den Leser mitunter nur schwer zu entscheiden, ob ein Gedicht von unauslotbarem Tiefsinn oder lyrisch einfach nur so dahingesagt ist. "und dann die sieger / mit beteertem antlitz / die gemästete jungfrauen / aufgerüscht und bebend / den besiegten vorwerfen / bevor sie das schlachtfeld verlassen". So lautet eins dieser Gedichte.
Werbung
Einleitend entfaltet der Band in dreizehn Gedichten ein "kleines inventar". Mein Haus, mein Land, meine Uhr. Letztere "enthauptet die fliegen / glättet das schreibpapier bügelt / die morgenzeitung". "meine blinden hände" hingegen, "sie bewahren nichts und verraten jede haut (…) / sie sind stets bestrebt / die einheit ihrer demütigung aufrecht zu erhalten / meine hände ernähren sich von marginalen / stunden / und verweigern dem Tod die bestätigung". Surreale Botschaften gleich diesen, zu denen der Code verloren gegangen scheint, finden sich zuhauf.
Nicht weniger ratlos steht der Leser vor Gedichten, die Kollegen, Freunden oder nahöstlichen Dissidenten gewidmet sind, wenn sie auf unbekannte biografische Fakten anspielen. Noch am ehesten überzeugen die Gedichte des dritten Kapitels zu Gestalten der Mythologie und (Literatur- oder Kunst-)Geschichte wie Ikarus, Jesus, Rembrandt oder Hölderlin. "auch die fische wollen / den geschmack des wachses gekostet haben (…) / wärest du gärtner geblieben", lesen wir in "ikarus". "lenin nannte dich / stechmücke / und noske / zermalmte sie", heißt es lakonisch in "für rosa l."
– Said: ruf zurück die vögel. Gedichte, C. H. Beck Verlag, München 2010. 109 Seiten, 16,95 Euro.
Autor: Hans-Dieter Fronz
